„Give Up Tomorrow“ – Der Chiong-Mord oder gute Beziehungen

5. Aug. 2012 – „Give Up Tomorrow“ ist ein beredter, überzeugender und doch nüchterner Dokumentarfilm, der vor gut einem Jahr auf dem Tribeca Film Festival in Manhattan uraufgeführt und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Michael Collins und Marty Syjuco verbrachten sechs Jahre damit, den Film zu produzieren, einen kritischen Blick auf einen berüchtigten Mordprozess, der in Cebu im Jahr 1998 begann und mit dem Fehlurteil der Angeklagten endete, für sechs junge Männer und einen Mann mittleren Alters.

Der Film reduziert das Thema auf einen der Männer, Francisco ‚Paco‘ Larrañaga, 19 Jahre alt zum Zeitpunkt seiner Verhaftung. Während Collins und Syjuco nicht gerade uneigennützige Parteien sind – familiäre Bindungen verknüpfen sie an die Larrañagas, worauf sie auch hinweisen – sind die Beweise, die sie präsentieren, absolut überzeugend. Sie zeigen und bauen auf eine Fülle von Quellen, einschliesslich Prozessakten, Medienberichten und Interviews mit Journalisten, Staatsanwälten, Verteidigern sowie Angehörigen des Opfers, als auch des Beschuldigten Paco selbst.

Paco war auch derjenige, der in der Todeszelle im Bilibid Gefängnis, den Ausdruck prägte „Give Up Tomorrow“. Damit meinte er, wenn er jede Hoffnung auf eine Begnadigung aufgegeben hätte, wäre er heute nicht hier. Stattdessen schreckt ihn die Verzweiflung vor dem nächsten Tag, ab. Und diesen Vorgang wiederholt er am nächsten Tag, immer wieder. Eine Strategie der Konzentration auf den Moment. Eine Strategie für ein Leben in einer Gefängniszelle.

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Der Betrachter kann daraus nur schliessen, ebenso wie die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und die UN-Menschenrechtskommission, wie eine Reihe von lokalen und spanischen Journalisten, ebenso wie die spanische Regierung selbst (Larrañaga hat doppelte Staatsangehörigkeit, da sein Vater Spanier ist), dass das Gerichtsverfahren nicht nur bizarr, sondern ein grober Justizirrtum war, in dem die verfassungsmässigen Rechte des Angeklagten ständig verletzt wurden.

Der Fall dreht sich um das Verschwinden von zwei Schwestern aus Cebu, beide Anfang 20 Jahre alt, Jacqueline und Marijoy Chiong, die am 16. Juli 1997 nach ihrer Arbeit nicht nach Hause kamen. Zwei Tage später wurde der gefesselte Körper einer jungen Frau in einer Schlucht gefunden, der man die Augen verband. Sowohl die Polizei Cebus als auch die Chiong Familie erklärten, dass die Tote nicht eine der Schwestern sei. Ein paar Tage später jedoch, unter dem Druck, den Fall zu lösen, verkündete die Polizei, der Leichnam sei der von Marijoy, aufgrund der Analyse der Fingerabdrücke.

Zwei Monate später wurde Larrañaga, der 19-jährige Spross einer privilegierten Familie aus Cebu, dessen Mutter zum Osmeña Clan gehört, zusammen mit sechs anderen verhaftet, als Tatverdächtige in der Ermordung der Person die als Marijoy identifiziert wurde, obwohl forensische Unregelmässigkeiten eine solche Identifizierung unbedeutend machten. So begann die kafkaeske Odyssee eines jungen Mannes, der zusammen mit seinen sechs Mitangeklagten (Josman Aznar, Rowen Adlawen, Ariel Balansag, Alberto Caño, James Anthony Uy und James Andrew Uy) nie ein faires Verfahren erhielt, vor einem Gericht unter dem Vorsitz des Richters Martin Ocampo, dessen Verhalten eklatant die Strafverfolgung begünstigte und der manchmal während des Verfahrens beim Schlafen beobachtet wurde. (Vielleicht war es ja seine Art der Ehrerweisung an Justitia, mit den verbundenen Augen.)

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Das Gerichtsverfahren fiel mitten in eine Hetzkampagne der Boulevardpresse, in der die Öffentlichkeit Vergeltung forderte. Die Tatsache, dass Larrañaga und einige der anderen Angeklagten entweder spanische oder chinesische Mischlinge waren, wurde zur offensichtlichen Erinnerung an die Kolonialgeschichte des Landes und das gemischte Blut der Angeklagten zum Symbol der privilegierten Klasse. Dies schürte das Feuer des öffentlichen Unmuts.

Interessanterweise wurde Dionisio Chiong, dem Vater der jungen Frauen nachgesagt, Verbindungen zu Peter Lim zu haben, der für ein Drogenbaron gehalten wurde. Aber die beiden hatten sich davor verkracht. Chiong war vor den Kongress geladen worden, um über Lims angeblichen Drogen-Aktivitäten auszusagen, aber er weigerte sich. Dies geschah kurz vor dem Tag, an dem Marijoy und Jacqueline verschwanden.

Reiner Zufall oder Einschüchterung? Seltsamerweise hat weder Polizei noch NBI einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Mädchen und dem Streit zwischen Chiong und Lim untersucht. Auch waren die polizeilichen Ermittler und die Presse desinteressiert. Bestürzend war, dass zwei der Polizei-Ermittler nebenher als Leibwächter für Lim arbeiteten. Der Polizeichef kannte Lim ebenfalls.

Es war eine Verschwörung, die alles verdrehte, ausser dem offiziellen Mandat, das auf eine rasche Verurteilung drängte, angestachelt durch den damaligen Präsidenten Estrada, dessen langjährige Sekretärin Frau Chiongs Schwester war. Es ist wahr, dass Paco den Ruf eines verwöhnten Jugendlichen hatte, was ein paar Schrammen bedeuten mag, aber nichts was einen Mord begründen würde. Er kannte die Schwestern überhaupt nicht. (Jacqueline wurde übrigens bis zum heutigen Tag nicht gefunden.)

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Besonders aufschlussreich ist, dass Paco in einer Kochschule in Quezon City (über 300 Meilen von Cebu entfernt) war und an dem schicksalhaften Tag wie gewohnt den Unterricht besucht hatte, später am Abend mit seinen Klassenkameraden in ein lokales Restaurant und eine Bar ging und am nächsten Morgen an einer Prüfung teilnahm. 35 Mitschüler und Lehrer bezeugten dieses und es gab sogar Fotos von der Gruppe in der Bar.

Man sollte meinen, Fall abgeschlossen. Doch der Richter schloss die meisten Zeugenaussagen aus und verweigerte ebenso einen Antrag der Verteidigung, den Leichnam zu exhumieren, um zu vergleichen, ob es denn tatsächlich Marijoy war. Der Richter verweigerte auch Pacos wiederholte Nachfrage, im Zeugenstand aussagen zu dürfen. Er durfte nichts zu seiner eigenen Verteidigung aussagen.

Der Schlüsselzeuge der Anklage war ein David Rusia, der eine strafrechtliche Verurteilung in den USA als Mitglied einer berüchtigten Bande hatte. Eine Verurteilung, die er versucht hatte zu verbergen. Im Zeugenstand verwies er auf die Angeklagten als Täter des Verbrechens, einschliesslich sich selbst als einen der Mittäter. (Ihm wurde Straffreiheit zugesichert.) Aber er konnte keine glaubwürdige Verbindung zu den Angeklagten vorweisen. Die Insassen der Haftanstalt, wo er inhaftiert war, sagten aus, dass er von der Polizei gefoltert worden war.

Während er von der Staatsanwaltschaft tagelang im Gericht befragt wurde, durfte ihn die Verteidigung nur 30 Minuten ins Kreuzverhör nehmen, ein Limit, das der Richter verhängte, da dem Zeugen „schwindelig“ war. Die Anwälte der Verteidigung beschwerten sich und wurden kurzerhand durch Ocampo wegen Missachtung des Gerichts inhaftiert. Noch mehr bizarr: die Mutter der beiden Frauen, Thelma Chiong, begrüsste Rusia als Retter, nahm ihn unter ihre Fittiche und gab ihm Geld und Kleidung.

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Der Prozess endete am 11. Februar 1999 und am 5. Mai befand Richter Ocampo die sieben Angeklagten für schuldig und verurteilte jeden zu 2 mal lebenslanger Haft. Der Richter weigerte sich jedoch die Todesstrafe zu verhängen (die damals noch galt), da es keine ausreichenden Beweise gab, dass die Leiche in der Tat Marijoy war. Eine unglaubliche Aussage, da in Wirklichkeit dies bedeutete, dass er das ganze Verfahren gegen die sieben und sein eigenes Urteil untergrub. Estrada war über das Gerichtsurteil indes bestürzt und sagte, die Männer hätten den Tod verdient. Fünf Monate später, schnitt sich Richter Martin Ocampo, in einem Hotelzimmer angeblich zuerst die Pulsadern an den Händen und Füssen auf und erschoss sich danach selbst.

Gegen die Entscheidung wurde vor dem Obersten Gerichtshof Berufung eingelegt. Nach 4-jähriger Beratungsdauer und in unverfronener Missachtung der verfassungsmässigen Rechte des Angeklagten, bestätigten die Richter im Jahr 2004 nicht nur den Schuldspruch, sondern verhängten sogar die Todesstrafe durch die Giftspritze. Die Tatsache, dass die Frau des Obersten Richters zu dem Zeitpunkt, Hilario Davide Jr. mit Thelma Chiong verwandt war, wurde als unzureichend angesehen, um Davide für befangen zu erklären.

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Heute sitzt Paco in einem spanischen Gefängnis, mit der Hoffnung, auf Bewährung ausserhalb des Gefängnisses zu leben. Ein Ergebnis der ehemaligen Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo, welche die Todesstrafe im Jahr 2006 abschaffte und ein Abkommen über Gefangenenaustausch mit Madrid vereinbarte, die den Transfer nach Spanien erlaubte. Die schmerzliche Ironie ist, dass der Bewährungsausschuss ihn nur dann frei lässt, wenn er seine Schuld eingesteht.

Der Fall zeigte die Schnittpunkte von Rasse, Klasse und Politik, sowie einem Rechtssystem voller Unzulänglichkeit. Tragischer weise ist solch ein Justizirrtum nicht unüblich. Es ist eine sichere Wette, dass viele weitere unschuldige Menschen hinter Gittern schmachten. Tatsache ist, dass die meisten Angeklagten, weder über Geld noch Beziehungen verfügen oder wenn sie es haben, sie sich gegen diejenigen mit noch besseren Beziehungen und noch mehr Geld wiederfinden, dass ihre Chancen in einem noch so schlampig konstruierten Rechtsfall, drastisch schlecht aussehen.

Gegen Ende des Films, äussert Frau Chiong den Wunsch, in einer Nahaufnahme, Paco zu töten, als sie von seinem bevorstehenden Transfer nach Spanien hörte. Sie sagte dies, mit einem mädchenhaften, kichernden Lachen, das ist sehr ernüchternd.

Wer eine Chance hat den Film zu sehen, sollte sich diese Dokumentation anschauen und sich auf Ohnmacht und Wut einstellen.

(Besonderer Dank an „Dino“ vom „Philippinenforum Deutschland“, der uns auf diese Dokumentation aufmerksam machte.)


Quelle: http://globalnation.inquirer.net/columns/columns/view/20110430-333854/Guilty-Even-When-Innocent