Das Vizconde Massaker 6

Die Anklage präsentierte Jessica Alfaro als Kronzeugin. Die Verteidigung versuchte, ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören, durch Befragung zu ihrer ersten eidesstattlichen Erklärung, die sie am 28. April 1995 beim NBI tätigte. Die Verteidigung sagte, Alfaro habe gelogen, da sie zwei inkonsistente eidesstattliche Erklärungen abgab, damit sei ihre Glaubwürdigkeit als Kronzeugin zweifelhaft. Die Staatsanwaltschaft beanstandete auch die Erklärung und forderte, dass Alfaros erste eidesstattliche Erklärung aus den Gerichtsakten entfernt werden müsse, weil sie unzulässige Beweise enthielt. Tolentino stimmte zu mit der Begründung, dass das Dokument ohne Hilfe eines Anwalts unterzeichnet worden war.

Die Verteidigung stellte auch Alfaros Motive für die Zeugenaussage in Frage. Es fragte Alfaros Bruder Patrick, einen Drogensüchtigen der von der NBI wegen dem Besitz illegaler Drogen verhaftet wurde. Die Staatsanwaltschaft erhob Einspruch und sagte

Patrick’s Verhaftung sei irrelevant für den Fall. Tolentino folgte dem Einspruch. In dem Gefühl, dass Tolentino eine tief sitzende Voreingenommenheit gegen sie hatte, reichten Hubert und seine Mitangeklagten am 9. November 1995 wieder einen Befangenheitsantrag ein. Sie lehnte ihn am 28. November „als unbegründet“ ab.

Am 15. November 1995 reichten die Beschuldigten zwei Petitionen beim Obersten Gerichtshof ein. Hubert, Lejano, Fernandez und Biong einen Revisionsantrag zu Tolentinos Entscheidung das Verbot für Hubert zur Krankenhausbehandlung und wegen Alfaros ersten eidesstattlichen Versicherung. Gatchalian und Estrada stellten auch eine Petition an den High Court wegen Tolentinos Entscheidung, der Verteidigung kein Kreuzverhör Alfaros zu ihrer ersten eidesstattlichen Versicherung zu gestatten. Am 8. Dezember reichte die Verteidigung eine weitere Petition beim Gerichtshof ein, mit der Frage nach Tolentinos Beweggründen für ihre Entscheidung am 8. November.

Mila Gaviola, ehemaliges Dienstmädchen der Webbs, hatte ausgesagt, dass sie Hubert am 30. Juni 1991 zu Hause sah. Trotz der Einwände der Verteidigung ordnete Tolentino eine Inspektion des Hauses der Webbs an, da Gaviola aussagte, dass es eine geheime Tür gab, durch die sie „spionierte“ und Hubert beobachtete. Am 12. Januar 1996 stellte Hubert einen Antrag in dem er beim Parañaque Gericht darum bat, dass seine Zeugen aus der USA erlaube, ihre Aussagen im Verfahren verwenden zu dürfen. Die Zeugen waren Steven Bucher und Debora Farmer von der US INS Behörde, Jaci Alston und Ami Smalley von der US Fahrzeug-Zulassungsbehörde und dem Fahrradhändler John Pavlisin, wohnhaft in Orange City, Kalifornien. Tolentino lehnte den Antrag am 6. Februar ab.

Am 1. Oktober 1996 ließ Tolentino gerade mal 10 von 142 Beweisstücke der Verteidigung zu. Am 11. Oktober verweigerte sie den Angeklagten Kaution. Die Verteidigung hatte einen Teilerfolg am 21. Juni 1996 im ‚Court of Appeals‘ errungen, als das Gericht Alfaros erste eidesstattliche Versicherung zur Verwendung erlaubte, aber es verweigerte alle anderen Anliegen der Petition. Am 12. Dezember 1996, reichten die Angeklagten beim Obersten Gerichtshof wieder eine Beschwerde wegen der Ablehnung der Belange ihrer Petition ein.

Die Angeklagten sagten das Berufungsgericht habe Unrecht, wenn es keine Grundlage für den Ausschluss Tolentinos sehe. Sie sagten, Tolentino sei ihnen gegenüber konsequent voreingenommen und zeige Feindschaft gegen sie. Sie behaupteten, dass durch die Ablehnung von 132 der 142 Beweisstücke, Tolentino den Tenor ihrer Überzeugung erkennen lasse. Sie protestierten auch gegen Tolentinos Besuch im Vizconde Haus. Am 24. Juli 1997 wies der Oberste Gerichtshof die Petition als ‚unbegründet‘ ab und erlaubte Tolentino den Fall weiter zu verhandeln. Das Gericht behauptete die Angeklagten hätten nicht gezeigt, dass Tolentino gegen sie voreingenommen sei.

Das Gericht stellte jedoch fest, dass Tolentino zu Unrecht die 132 Beweisstücke, welche von der Verteidigung vorgelegt wurden, verweigerte, obwohl diese später vor Gericht durch einen Auftrag des Richters zugelassen wurden. Das Gericht weigerte sich auch, Tolentino zu disqualifizieren und sagte: „der Prozess gegen die Antragsteller geht zu Ende und ein neuer Richter, der die Schuld oder Unschuld dann bestimmen muss, ist nicht im besten Interesse der Gerechtigkeit.“

Am 17. August 1999 hob der Oberste Gerichtshof die Entscheidung des Court of Appeals auf und entschied, dass Richterin Tolentino keinen Fehler beging, als sie die Aussagen von Bucher, Bauer, Alston, Smalley und Pavlisin nicht zulies. Am 6. Februar 1998, hatte das Berufungsgericht den fünf Zeugen ihre Zeugenaussagen vor dem Konsularbeamten in den USA erlaubt. Der Oberste Gerichtshof hingegen erklärte, das Gericht brauche die Aussagen der fünf Zeugen in Bezug auf die Dokumente, die sie präsentierten nicht verwenden, da diese bereits als Beweismittel zu Webbs Aufenthalt in den USA zugelassen wurden.

Der Vizconde Fall wurde ein gefeierter Fall in dem Land, weil er die Elemente einer Seifenoper hatte. Am 6. Januar 2000 oder neun Jahre nach der Ermordung der Familie Vizconde, teilte Richterin Tolentino ihre Entscheidung mit. Früh am Morgen waren bereits hunderte von Menschen beim Parañaque Gericht, dem Regional Trial Court. Die Familien der Angeklagten kamen, um das Urteil zu hören. Unter ihnen befanden sich Freddie und Elizabeth Webb. Lauro Vizconde war ebenso da. Fernseh-, Radio- und Zeitungs-Reporter kamen um über das Verfahren zu berichten. Die Presse war in riesiger Anzahl vertreten.

Um 8:30 Uhr begann ein Gerichtsangestellter mit dem Verlesen der 186-seitigen Entscheidung. Es benötigte einen weiteren Gerichtsangestellten das Urteil fertig zu lesen, das insgesamt fast fünf Stunden dauerte. Tolentino verurteilte darin Hubert Webb, Peter Estrada, Hospicio Fernandez, Michael Gatchalian, Antonio Lejano II und Miguel Rodriguez zu lebenslanger Haft und ordnete an, die Vizconde Familie mit 3 Mio. Pesos zu entschädigen, für die Morde an Estrellita, Carmela und Anna Marie Jennifer. Gerardo Biong, der Parañaque Polizist, wurde für schuldig befunden, Bettwäsche verbrannt und andere wichtige Beweise vernichtet zu haben und wurde zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt.

Joey Filart und Artemio „Dong“ Ventura wurden nicht verurteilt, weil sie nicht angeklagt wurden und entkamen der Strafverfolgung. Sie bleiben auf freiem Fuß. Webb, seine Eltern und Geschwister waren untröstlich. Die anderen Verdächtigen reagierten auf die gleiche Weise. Lauro Vizconde sagte der Manila Times, als das Urteil gesprochen wurde, er fühlte, er habe „teilweise Gerechtigkeit gewonnen.“ Seitdem hat er sich dem Kreuzzug gegen die Kriminalität verschrieben. Er ist aktiv in der Organisation ‚Freiwillige gegen Kriminalität und Korruption‘, die Opfern von Straftaten hilft und Fälle in den Gerichten überwacht. Er ist außerdem Vorstand der staatlichen ‚Intercontinental Broadcasting Corp.‘.

Er ist besorgt über die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs das Urteil des Berufungsgerichts zu überprüfen und sagte die Zeiten seien jetzt anders. „Meine größte Angst ist die Zeit.“ sagte Vizconde. Er sagte, das Berufungsgericht habe sechs Monate Zeit, um den Fall zu entscheiden. Und wenn das Berufungsgericht die Verurteilung bestätigt, geht der Fall automatisch an den Obersten Gerichtshof zur Überprüfung. Nach Vizcondes Schätzungen würde es weitere zwei Jahre brauchen, bis der High Court zu einer Entscheidung kommt.

Er befürchtet, dass er bis dahin nicht mehr lebe, um das endgültige Ergebnis der Überprüfung zu sehen. „Ich konnte ihnen verzeihen, aber es bedeutet nicht, dass ich schon vergessen habe, was sie taten.“ sagte er.

Alfaro: Die Kronzeugin taucht ab

Inzwischen hat der Oberste Gerichtshof die Angeklagten frei gesprochen. Zwei Tage später am 16. Dezember 2010 soll Berichten zufolge, Jessica Alfaro, die Kronzeugin im Vizconde Massaker, aus dem Gebiet wo sie im Ausland arbeitete, geflohen sei. Dies nachdem sie erfuhr, dass Hubert Webb und die anderen durch den Obersten Gerichtshof freigesprochen worden waren. Jessica Alfaros wirklicher Aufenthaltsort wird nicht bekannt gegeben, da sie sich in einem Zeugenschutzprogramm befindet.

Ein männlicher Verwandter Lauro Vizcondes, der anonym bleiben will, sagte, Alfaro könnte den Ort an dem sie arbeitet im Ausland verlassen haben, als sie erfuhr, dass der Oberste Gerichtshof Hubert Webb und 6 andere frei sprachen. Der gleiche Informant sagte, dass Alfaro während ihres Telefonats Montag Nacht euphorisch klang, da sie sich sicher schien der Oberste Gerichtshof würde den Schuldspruch bestätigen. Für den folgenden Tag – also am Dienstag – vereinbarten sie, einander wieder anzurufen, sobald die Entscheidung gefallen sei, aber Alfaro meldete sich nicht mehr. Stattdessen erreichte ihn eine E-Mail von Alfaros Nachbar, der sagt Jessica sei geflüchtet.


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Von Freddie Webb, Hubert Webbs Vater, war zu hören, dass er am liebsten Alfaro verklagen würde. Nicht für Geld, sondern um Gerechtigkeit zu erhalten. Er will dass Alfaro das selbe erlebt, was sein Sohn Hubert in den letzten 15 Jahren leidvoll, wegen ihrer Falschaussage erleben musste.

Am 6. Mai 2011 kündigt die Justizministerin Leila de Lima eine neue Zeugin an, die den bisherigen Annahmen über den Tathergang wohl widersprechen sollen. Anbetracht der Tatsache, dass am 30. Juni dieses Jahres der Fall als verjährt gilt, bedeutet dieses auch, die Ermittlungen müssen zu diesem Datum eingestellt werden und neue Anklagen können dann nicht mehr erhoben werden. Die Justizministerin will deshalb kein Risiko eingehen und ordnete deshalb für diese Woche einen Lügendetektortest an. Die neue Zeugin stimmte dem auch vorbehaltlos zu, Ergebnisse dazu werden täglich erwartet …

… und bis dahin warten wir auf die nächste Fortsetzung des Falles …

 

Alle bisherigen 6 Artikel zum Fall:

Das Vizconde Massaker 1
Das Vizconde Massaker 2
Das Vizconde Massaker 3
Das Vizconde Massaker 4
Das Vizconde Massaker 5
Das Vizconde Massaker 6