Das Vizconde Massaker 2

Der Fall ist aber noch lange nicht vorbei, denn die Verteidigung sagt, sie wird den Kampf für einen Freispruch weiter betreiben. Eine Beschwerde beim Berufungsgericht wurde am 16. Dezember 2005 eingereicht, doch das Gericht bestätigte nur in seiner 76-seitigen Entscheidung den Schuldspruch: „Wir finden keinen Grund die Entscheidung zu kippen, da wir ebenfalls die Angeklagten zweifelsfrei als schuldig des Verbrechens der Vergewaltigung und Mord befinden.“ Die Verteidigung zog zwei Jahre später im Januar 2007 erneut vor das Berufungsgericht. Allerdings bekräftigte dieses nur seine Überzeugung.

Die Hoffnungen der Verteidigung waren aber überhaupt nicht enttäuscht. Vitaliano Aguirre II, Webbs Rechtsanwalt seit 1995 sagte, dass der nächste Schritt eine Überprüfung am Obersten Gerichtshof sei und man eine Petition einreichen möchte für einen

Revisionsantrag, um den Fall zu überprüfen. Vizconde ist ebenso bestrebt, Endgültigkeit in dem Fall zu erhalten. „Ich habe gelernt, ihnen zu vergeben. Ich kann jetzt wieder fest schlafen.“ sagte er in einem früheren Interview. „Aber ich werde erst dann den Fall abschließen, wenn der Oberste Gerichtshof die Entscheidung bestätigt hat. Dann werde ich mich voll und ganz bestätigt fühlen.“

Im April 2010 billigte der Oberste Gerichtshof einen DNA-Test und ordnete die Untersuchung der Spermien an, die als Probe während der Autopsie von Carmela Vizconde genommen wurden. Daraufhin offenbarte das ‚National Bureau of Investigation‘ (NBI), dass es die Proben nicht mehr habe, da diese vom Gericht in Parañaque zurück gefordert wurden.

Am 8. Oktober 2010, reichte Webb einen dringenden Antrag für einen Freispruch ein. Am 26. November 2010, äußerte Lauro Vizconde gegenüber Medien seine Besorgnis, über die angebliche Lobbyarbeit des Richters am Obersten Gerichtshof, Antonio Carpio, dem er vorwarf den Schuldspruch umkehren zu wollen. Carpio war Zeuge für die Verteidigung während der Verhandlung. Die ‚Freiwilligen gegen Kriminalität und Korruption‘ (VACC) baten die Richter Antonio Carpio und seinen Cousin Conchita Carpio-Morales, einen Urlaub zu nehmen, während der Fall entschieden wird, um unzulässige Einflussnahme auf die Entscheidung des Gerichts zu vermeiden. Dies wurde kategorisch vom Obersten Gerichtshof verweigert, jedoch sah sich Carpio selbst in der Tat befangen und wollte nicht an der Beratung teilnehmen.

Am 14. Dezember 2010 hob das Oberste Gericht die frühere Entscheidung der Vorinstanz und des Berufungsgerichts auf und sprach sieben der neun Angeklagten, darunter Hubert Webb frei. Es stellte fest, dass der Nachweis über die Schuld der Angeklagten, durch die Staatsanwaltschaft zweifelsfrei gescheitert sei. Keinen Freispruch erhielten die beiden Angeklagten, Filart und Ventura, die noch immer auf freiem Fuß sind. Von den 15 Richtern stimmten sieben für den Freispruch, während vier widersprachen und vier Richter, darunter Carpio, nicht teilnahmen.

 

Dabei stützten sich die Richter des Supreme Courts in ihrer Entscheidung auf die folgenden Punkte:

1. Der Verlust der DNA-Beweise
Das Gericht sah es als eine grobe Verletzung von Webbs Recht an, ein faires Verfahren zu erhalten. Dadurch aber, dass der Staat durch Vorsatz oder Fahrlässigkeit dies verhinderte, ist ein Freispruch geradezu gegeben.

2. Alfaros Aussage ist unglaubwürdig
Alfaro war eine Spitzel des NBI, die ihren Lebensunterhalt durch Verbrüderung mit Verbrechern verdiente. Auch sei es für Alfaro ein Leichtes zu lügen, da sie über 4 Jahre die Einzelheiten des Falles erfahren konnte. Alfaro habe praktisch in den NBI Büros gelebt. Um Details zu hören oder Zugang zu den Dokumenten zu erhalten, wäre ohne weitere Schwierigkeiten möglich gewesen.
Das Gericht stellte auch die Inkonsistenz von Alfaros Aussage fest:
a.) Webb hätte als Carmelas Boyfriend, keinen Grund die Glasscheiben des Hauses einzubrechen, da er das Haus jederzeit durch die Haustür betreten können hätte. Alfaro hingegen sagte, dass Webb einige Steine aufhob und aus heiterem Himmel diese an die verglaste Eingangstür schleuderte.
b.) Das Gericht sagte das gleiche auch für die Frage nach dem Garagenlicht: Alfano behauptete, dass Ventura mit einem Stuhl auf die Motorhaube des Autos kletterte, um das Licht auszuschalten. Aber im Gegensatz zu Räubern, hatte Webb und seine Freunde nichts in einer dunklen Garage zu tun.
Im Allgemeinen, so das Gericht, fehle Alfaros Geschichte der Sinn und leide an Unstimmigkeiten.

3. Unzuverlässigkeit der Aussagen anderer Zeugen
Das Gericht befand, dass die Zeugenaussage von Wachmann Normal E. White unzuverlässig war. White sagte, dass Gatchalian und die anderen viele Male in die Gated Community gingen, obwohl sie nur einmal im Logbuch erfasst waren.
Das Gericht stellte ferner fest, dass die Zeugenaussage von Webbs Maid, Mila Gaviola auch unzuverlässig sei, da sie nicht in der Lage war zu unterscheiden, ob es Hubert war, den sie am 30. Juni 1991 sah, noch sich an andere Details erinnerte, die an den anderen Tagen geschahen in dem Haushalt.

4. Webbs Alibi
Das Gericht sagte, dass unter allen Angeklagten, Webb das stärkste Alibi präsentierte. Die Vorinstanzen jedoch argumentierten, dass Webbs Alibi nicht gegen eine positive Identifizierung Alfaros aufrecht erhalten werden könne. Das Gericht befand, dass Alfaro keine glaubwürdige Zeugin war und ihre persönlich erlebte Geschichte, glaubwürdig sein muss und nicht künstlich.
Die Vorinstanzen entschieden, dass Webb eigentlich in Parañaque war, als die Vizconde Morde stattfanden. Allerdings wies das Tatgericht darauf hin, dass Webb oder seine Eltern in der Lage sein konnten, einen lokalen Ausreisestempel mit 9. März 1991 in seinen Pass und einen Einreisestempel am 27. Oktober 1992 eingedrückt zu bekommen. Jedoch konnten sie dies nicht belegen, weder mit einer Passagierliste, noch mit einer Eintragung durch die US-Einwanderungsbehörde. Das Oberste Gericht sagte, wenn Webb also in den USA war, während die Straftat begangen wurden, dann fiele Alfaros Aussage komplett in sich zusammen.

5. Fazit
Das Gericht stellte fest, dass wohl eine Person verurteilt werden sollte, obwohl es anhaltende Zweifel an deren Schuld gab. Als Ergebnis kehrt das Gericht die Entscheidung aller Vorinstanzen um und spricht Webb sowie die anderen frei.


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Nachwirkungen

Präsident Benigno Aquino ordnete die Strafverfolgungsbehörden an, erneut den Fall zu untersuchen bevor die Verjährung eintritt am 30. Juni 2011. Er beauftragte die Justizministerin Leila de Lima auch, Möglichkeiten zur Entschädigung von Webb und den anderen zu prüfen.

Am 28. Dezember 2010 erschienen neue Zeugen, die Hubert Webb und die anderen angeblich hinter dem Vizconde Massaker steckenden, belasteten. Weitere Zeugen sagten, Webb weilte auf den Philippinen zum Zeitpunkt der Morde.

Am 4. Januar 2011 sagte Justizministerin Leila de Lima, dass der Verdächtigte Joey Filart in den Vereinigten Staaten entdeckt wurde.

Am 18. Januar 2011 wies der Oberste Gerichtshof die Beschwerde von Lauro Vizconde mit der Begründung zurück, dass es keine neue Anklage zulasse, da eine Doppelbestrafung nicht möglich sei.

Am 6. Mai 2011 kündigte die Justizministerin eine neue Zeugin an, deren Aussagen aber wohl zu widersprüchlich zu den vorhandenen Erkenntnissen über den Tathergang sind. Ein Lügendetektor soll Aufschluß bringen.

 

Immerhin, sollte man zumindest jetzt denken, dass Ruhe einkehrt. Leider ein Trugschluss – wie wir morgen sehen werden.

Fortsetzung folgt …

 

Alle bisherigen 6 Artikel zum Fall:

Das Vizconde Massaker 1
Das Vizconde Massaker 2
Das Vizconde Massaker 3
Das Vizconde Massaker 4
Das Vizconde Massaker 5
Das Vizconde Massaker 6