Das Vizconde Massaker 1

Am Morgen des 30. Juni 1991, waren eine Mutter und deren beiden Töchter in ihrem eigenen Haus bestialisch niedergemetzelt aufgefunden worden. Es handelte sich um Estrellita Vizconde (47 Jahre, getötet durch 13 Messerstiche) ihre Töchter Carmela (18 Jahre, wurde zunächst vergewaltigt und dann mit 17 Messerstichen getötet) und Jennifer (7 Jahre, getötet mit 19 Messerstichen).

Dieses als „Vizconde Massaker“ bezeichnete grausame Verbrechen, sollte einige Jahre lang das Land beschäftigen. Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Fall dadurch, dass

Sprößlinge sehr einflussreicher Familien darin verwickelt waren:

  • Hubert Webb, Sohn des ehemaligen Senators und Kongressabgeordneten Freddie Webb
  • Antonio „Tony Boy“ Lejano, Sohn von Schauspielerin Pinky de Leon
  • Michael Gatchalian und Miguel Rodriguez, Söhne prominenter Starverteidiger
  • Peter Estrada, Sohn eines reichen Geschäftsmanns
  • Pyke Fernandez, Sohn eines pensionierten Kommodors
  • Joey Filart, Verwandter des leitenden Militärs Marino Filart
  • Dong Ventura, Sohn eines Geschäftsmanns

Die Untersuchungen und der anschließende Prozess, entfalteten viele Blickwinkel und Versionen. Letztlich glaubte aber Richterin Amelita Tolentino, dem Augenzeugenbericht von Jessica Alfaro, einer Drogensüchtigen, die erst vier Jahre nach dem Verbrechen ihre Aussage tätigte, mehr als allen Zeugen und Beweisen der Verteidigung.

Es begann alles mit einem „unbedeutenden“ Drogendeal auf dem Parkplatz des ‚Alabang Commercial Centers‘ in Muntinlupa in der Nacht vom 29. Juni 1991, so die Zeugenaussage Alfaros in der öffentlichen Sitzung. Sie war zusammen mit den Verdächtigen, als sie ein Gramm Shabu kauften von Ventura, ihrem Drogenhändler. Nach einer Shabu Session entschloss Webb zu Carmelas Haus vorzufahren. Er wollte, dass sich Alfaro ihnen anschließt, da Carmelas Mutter ihrer Tochter nur Ausgang und Unterhaltung mit weiblichen Besuchern gestattete.

Die Gruppe war in drei Fahrzeugen verteilt: einem blauen Mazda-Pickup, einem blau-grauen Nissan Patrol und Alfaros weißem Mitsubishi Lancer. Als sie ankamen, sprach Alfaro kurz mit Carmela, die aber sagte sie könne sich jetzt nicht mit ihnen unterhalten und bat sie später nochmals zu kommen.

Nach einer weiteren Shabu Session am Alabang Parkplatz, kehrten Alfaro und Estrada zurück zum Vizconde Haus. Wieder bat Carmela Alfaro später zurück zu kommen, vor Mitternacht. Auf ihrem Weg zurück nach Alabang aber, sahen Alfaro und Estrada, Carmela vorbei fahren um einen Mann abzusetzen, der ihr Freund zu sein schien. Alfaro sagte, sie berichtete dies alles Webb.

Die Gruppe schniefte noch mehr Shabu und Kokain, bevor sie zum Haus der Vizcondes zurückkehrten etwa um 23:45 Uhr. Alfaro sagte, dann brütete Webb einen Plan aus, Carmela zu vergewaltigen. Alfaro signalisierte durch zweimaliges Blinken mit dem Scheinwerfer ihre Ankunft. Das Tor hatten sie für sie offen gelassen damit sie eingehen konnten und Alfaro, Webb, Lejano und Ventura stiegen aus ihren Autos aus.

Alfaro erzählte, als Webb Carmela ins Esszimmer folgte, entschloss sie sich dazu nach draußen zum Rauchen zu gehen. Von dort aus sah sie Lejano und Ventura ein Messer aus der Küchenschublade nehmen, während der Rest der Gruppe als Beobachtungsposten fungierte.

Nach Alfaros Bericht, wurde Estrellita getötet, bevor Webb Carmela zu vergewaltigen begann. Jennifer, die dadurch aus dem Schlaf aufgeweckt wurde und sah wie Webb ihre Schwester verletzte, sprang auf Webbs Rücken. Das ärgerte Webb, der das kleine Mädchen an eine Wand schleuderte und damit begann, sie zu erstechen. Alfaro sagte, als sie ins Haus zurück ging, sah sie die Leichen von Estrellita und Jennifer auf dem Bett und Webb, der Carmela auf dem Boden vergewaltigte. Lejano und Ventura hätten dann auch abwechselnd Carmela vergewaltigt, bevor sie dann Carmela zum Schluss mit zahlreichen Stichen töteten.

Die drei Fahrzeuge rasten dann anschließend weg, zu einem anderen Haus in der Village. Dort hätten dann Webb, Ventura und Lejano sich gegenseitig für das Verbrechen verantwortlich gemacht. Wegen ihrer Streitereien, sagte Alfaro in ihrer Aussage, konnte sie die Bruchstücke wieder in die richtige Reihenfolge zusammen bringen.

Der Polizist Gerardo Biong kam dazu, während Alfaro noch mit der Gruppe zusammen war. Webb bat ihn, ihr Schlamassel zu korrigieren und Biong zerstörte später wichtige physische Beweise am Tatort, einschließlich blutiger Bettwäsche, Teppiche, Kleidung und anderen Gegenständen.

Zwei Gruppen von Verdächtigen wurden später von der Polizei im Oktober 1991 und Juni 1993 verhaftet, aber aus Mangel an Beweisen alle aus der Haft entlassen. Alfaro benötigte vier Jahre, um den Mut aufzubringen und im Juni 1995 die Zeugenaussage zu machen, weil sie erst zu diesem Zeitpunkt ihre Drogensucht überwunden hatte. Sie sagte auch, man hätte sie gewarnt, etwas auszusagen. Ihre eidesstattliche Erklärung nahm jedenfalls kein Blatt vor den Mund. „Ich sah Hubert mit nackten Gesäß oben auf Carmela.“ sagte sie darin aus.

Die Angeklagten bestritten Alfaros Vorwürfe, aber im August 1995, fand eine Justizkommission die vermeintlichen Motive und so wurden anschließend die Beschuldigten der Vergewaltigung und Tötung angeklagt. Vor dem Parañaque Regional Trial Court wurde Anklage eingereicht gegen: Webb, Lejano, Rodriguez, Fernandez, Gatchalian und Estrada. Sie wurden verhaftet, zusammen mit dem Polizisten Biong, während Ventura und Filart bis zum heutigen Tag untergetaucht bleiben.

Während der Verhandlung präsentierte die Staatsanwaltschaft nur sieben Zeugen. Abgesehen von Alfaro und dem Arzt, der die Körper der Opfer obduzierte, wurden noch zwei ehemalige Maids der Familie Webb vorgestellt. Sie bezeugten, dass Webb am Tag des Verbrechens in dem Land war. Eine von ihnen, Mila Gaviola, behauptete sogar, sie wusch die Blutflecken aus Webbs T-Shirt am Morgen des 30. Juni 1991.

Die Wachleute der Subdivision, Justo Cabanacan und Normal White, bezeugten dies bei der Verhandlung ebenso. Cabanacan sagte, Webb fuhr wenige Tage vor dem Massaker in die Subdivision und hat sich selbst als Sohn des damaligen Kongressabgeordneten Webb identifiziert. White, auf der anderen Seite sagte, er sah die drei Autos in der Nacht des 29. Juni in die Subdivision einfahren, so wie Alfaro ausgesagt hatte.

Lolita Birrer, die ehemalige Lebenspartnerin von Biong machte die Aussage, dass sie Biong begleitet habe, um im Vizconde Haus die Beweise zu vernichten und Webbs Jacke und die Mordwaffe zu finden. Sie sagte auch, dass Biong Geld erhielt in einem Haus, das wie sie später erfuhr, dem Rep. Freddie Webb gehörte.

Zur Befragung nach Alfaros Glaubwürdigkeit, legte die Verteidigung umfangreiche Dokumente vor und präsentierte 95 Zeugen, darunter Webb selbst und seinen Vater, zusammen mit anderen Verwandten und Freunden, um das Hauptargument der Verteidigung zu belegen: dass Hubert Webb in der Nacht des Verbrechens in den USA war. Die Argumente von Webbs Mitangeklagten stützten sich auch auf diese Prämisse.


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Die Verteidigung legte eine Reihe von Dokumenten vor, diese Behauptung zu belegen, darunter Zertifizierungen der US-Regierung. Die Verteidigung unternahm einige Anstrengungen, um Richterin Tolentinos Befangenheit zu beweisen, aber nicht weniger als der Oberste Gerichtshof wies den Antrag ab. Das Berufungsgericht bestätigte auch die Entscheidung der Richterin, den Antrag für eine Kaution zu verweigern.

Am 15. November 1999 wurde die Wiederaufnahme des Verfahrens endgültig verweigert und damit der Weg frei für die Entscheidung des Falles.

Das Urteil: hinreichend schuldig.
Die Strafe: lebenslange Haft für die Hauptangeklagten.
Sie wurden darüber hinaus auch dazu aufgefordert, Lauro Vizconde, dem Vater von Carmela und Jennifer, mehr als 3 Millionen Pesos für Entschädigung zu zahlen. Als Tathelfer wurde der Polizist Biong zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt.

In ihrer Entscheidung beschrieb Richterin Tolentino die Aussagen vieler Zeugen der Verteidigung als „voller Widersprüche“. Fotos und Videoaufnahmen, die Hubert in Amerika zeigten, erschienen ihr manipuliert zu sein, sagte Tolentino. Die vorgelegten Alibis der Angeklagten überzeugten das Gericht nicht, dass sie nicht in dem Vizconde Haus in der Nacht des Verbrechens gewesen seien.

Einen Tag nach dem das Urteil ausgesprochen wurde, besuchte Lauro Vizconde die Gräber seiner Familie auf dem ‚Holy Cross Memorial Park‘ in Novaliches, Quezon City. Jahre des Strebens nach Gerechtigkeit haben ihn in zu einem aktiven Mitglied der Freiwilligen gegen Kriminalität und Korruption gemacht. „Endlich, können ihre Seelen ruhen und ich kann das Leben neu beginnen.“ sagte er.

Die Angeklagten, auf der anderen Seite, begannen ein neues Leben als Sträflinge nachdem sie aus dem städtischen Gefängnis in das ‚New Bilibid‘ Gefängnis in Muntinlupa City transferiert wurden.

Soweit – so gut! Wer jetzt denkt die Geschichte sei zu Ende – Vorsicht ganz großer Irrtum: denn jetzt beginnt sie erst richtig!

Fortsetzung folgt …

 

Alle bisherigen 6 Artikel zum Fall:

Das Vizconde Massaker 1
Das Vizconde Massaker 2
Das Vizconde Massaker 3
Das Vizconde Massaker 4
Das Vizconde Massaker 5
Das Vizconde Massaker 6