Kulturdifferenzen auf den Philippinen: Die Hierarchie

Hierarchisches Denken gehört zu den besonderen Kulturdifferenzen auf den Philippinen: in der Familie, im Beruf, in der Schule, in der Politik und im öffentlichen Leben. Innerhalb einer Familie gelten die Hierarchien dann z.B. in der Form, dass Brüder sich dem Alter nach sortieren und anschließend die Schwestern, auch dem Alter entsprechend folgen! Der jeweils niedrigere ist dem höher gestellten zu Respekt (vergl. auch späteres Kapitel zu Gestik) und bei „Bedarf“ (wobei dieser Begriff sehr dehnbar ist) sogar zu finanzieller Unterstützung verpflichtet! Diese Regel wird auf den Philippinen in vielen Familien noch gelebt, unabhängig von der gesetzlichen Regelung, welche nur das Alter nicht aber das Geschlecht berücksichtigt! Äußere Symbole begleiten und unterstützen diese Hierarchien wie z.B. die Größe des Autos, der Wohnung oder Haus, des Büros, Einrichtungsgegenstände, Schmuck, etc. Dies erklärt auch die Bedeutung von Statussymbolen, die zwar im Westen ebenso existieren, aber bei weitem nicht diese Bedeutung haben! Eine zumindest denkbare Erklärung dafür, weshalb sich viele für die Statussymbole sogar verschulden, da ihnen der Besitz allein zu viel mehr (vermeintlichem) Ansehen verhilft. Ebenso sind Sitz- und Marschordnungen, besonders in der politischen chinesischen Öffentlichkeit, ein Spiegelbild des Machtgefüges.

Wer eine spezielle öffentliche oder berufliche Funktion inne hat, den spricht man üblicherweise mit Namen und seiner Funktion auch an: Attorney Fernandez, Teacher Jude, Mayor Osmena, Senator Marcos, usw. Aufgrund seiner Funktion wird er automatisch respektiert, drückt diese doch die Position innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie aus. Als Respektsperson wird er deutlich von Kritik oder Hinterfragung seines Tuns ausgenommen (auch unter Berücksichtigung des Indirektheitsprinzips, welches im öffentlichen Umgang noch weitere Regeln kennt, die wir hier aber nicht weiter verfolgen). Deshalb lässt man sich auch viel schneller von Politik und Religion in die Irre führen, da man sich erst gar nicht traut diese zu hinterfragen. Ein Manager wird bereits aufgrund seiner Funktion respektiert. Wenn dieser einen Mitarbeiter entlassen muss, wird dieser kaum echten Einspruch erheben. Es sei denn er verliert bei der ganzen Aktion sein Gesicht! Dann wird er wiederum, möglicherweise aber erst viel später, darauf reagieren.

Eltern sind innerhalb der Familienhierarchie generell Respektspersonen, die frei von jeglicher Hinterfragung ihres Tuns sind. Kritik an einem hierarchisch hoch Stehenden oder gar an dem Familienoberhaupt ist tabu. Die philippinischen Besonderheiten der Familienhierarchie wollen wir an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, da diese eine eigene Betrachtung wert sind. Generell hat das hierarchische Familiendenken in Asien einen Stellenwert, der westlichem Denken fremd ist.

Im Westen wird eine andere Werteordnung vermittelt, die z.B. in Deutschland auch im Grundgesetz verankert ist: Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit! In Verbindung mit der Aufklärung wie sie Immanuel Kant verstand „sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“, führt dies zu einem völlig anderen Bild. Die Aufklärung im Westen hinterfragt fast jedes Tabu. Jeder hat ein Recht darauf, die Erklärung für eine Entscheidung des anderen zu erhalten. Nicht nur dies, er kann seine Meinung dazu äussern und Kritik üben. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass weder Eltern, Vorgesetzte, Religionsführer oder Politiker davon ausgenommen sind. Ein in Asien unvorstellbarer Gedanke, die Hierarchie lässt sich nicht ignorieren! Hier besteht leider eine sehr gefährliche Falle für Westler: denn seine ganze Erziehung, seine Umgebung, sein gesellschaftlicher Umgang und sein Wertesystem, erlauben ihm wiederum diese Tabus nicht! Aber wer hier einem Asiaten die falsche Frage stellt oder ihm unberechtigter weise etwas vorwirft, zerschlägt meist unwiederruflich das „Porzellan“! Dieses ist zwar schnell verstanden und aufgeschrieben, aber die Umsetzung kann leicht zu einer Lebensaufgabe ausarten. Im schlimmsten Fall lässt sie sogar manche daran scheitern.

Ein Freund erzählte mir von absoluten Ungeheuerlichkeiten, die ihm und seinen Geschwistern von ihrer Mutter angetan wurden. Er meinte dies jedoch nicht als Vorwurf in Richtung seiner Mutter, da er sofort dazu sagte: „Aber das ist meine Mutter. Da kann man nichts tun!“ Die Hierarchie wird als von „Gott gegebene Selbstverständlichkeit“ akzeptiert. Aus dieser durch Hierarchien bestimmten Werteordnung, leiten sich auch zumindest teilweise der in Asien weit verbreitete Fatalismus ab. Denn die Hierarchie lässt sich nicht anzweifeln und somit sind alle daraus entstehenden Konsequenzen mit Geduld zu ertragen. Je weiter man selbst gewohnt ist in den unteren Hierarchien sich zu bewegen, desto größer ist die Leidensfähigkeit! Diese hat direkt nichts mit Dummheit oder mangelnder Bildung zu tun, wie es mancher westliche Beobachter vielleicht einschätzen mag. Es ist lediglich die Anerkennung eines Hierarchiesystems, in dem man aufwuchs und an dem man meist nichts ändern kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Aber Hierarchien sind nicht immer starr und unveränderlich, auch wenn sie so scheinen. Erfolge eines Gruppenmitglieds, insbesondere finanzieller Art (guter Job, hohes Gehalt, besondere Leistung etc.), lassen das Mitglied in der Hierarchie nach oben aufsteigen. Hingegen werden Versagen oder unangebrachtes Verhalten (negative Charaktereigenschaften), die jeweilige Person in der Hierarchie absteigen lassen. Dies gilt sowohl in gesellschaftlichen Hierarchien, als auch in den familiären.

Viele Westler überschätzen ihre eigene Persönlichkeit im Umgang mit diesen Gruppen-Hierarchien. Kuschen, Schäden finanziell abgelten und stets kleinbeigeben, führt zu dem zuvor beschriebenen Abstieg. Daraus aber zu folgern, man muss nur die anderen anschreien und einschüchtern, kann helfen – muss es aber nicht. Denn man wird damit in der Hierarchie nicht aufsteigen, sondern zum Aussenseiter, vor dem die meisten im Moment Angst haben. Allerdings sollte in diesen Fällen eher der Aussenseiter Angst haben, da er sich mit diesem Verhalten potentielle Feinde schafft. Und wer will schon in permanenter Angst leben?