Balut Erfahrung auf den Philippinen

von Viktoria Ebenhoch –

Es ist ein gemütlicher Donnerstagabend in San Juan La Union in Nord-Luzon. Hier fahren, wie fast überall auf den Philippinen, Straßenverkäufer mit verschiedensten Delikatessen auf ihren alten Fahrrädern unermüdlich durch die Wohnviertel.

Wir sitzen in einer kleinen Runde zusammen, die erfrischende Abendbrise zieht durch das offene Wohnzimmer. Schon von Weitem kündigt sich der Balut-Verkäufer, der jeden Abend aus der Provinzhauptstadt San Fernando hierher radelt, mit seiner grellen Hupe an. Begleitet wird sie von einem melodischen „Balut, Balut, Baluuut! – I am Quality, I am Balut!“

Balut Dealer auf den Philippinen

Normalerweise fährt er hupend an unserem Haus vorbei. Er gondelt einige Male auf und ab, um auch den letzten potentiellen Kunden auf sich aufmerksam zu machen. So läuft es jeden Abend – doch nicht heute.

Heute sind wir Kunden. Mit dem Schallen der Hupe kommt die Idee ins Haus geflogen: „Lasst uns doch heute Abend Balut essen!“ Kaum vorgeschlagen, wird schon nach Kleingeld gesucht.

Da kann es dem deutschen Magen schon flau werden, immerhin handelt es sich bei der philippinischen Spezialität Balut um ein angebrühtetes Entenei, das erst nach rund zwei Wochen aus dem Gelege geholt und anschließend hart gekocht wird.

Und wie isst man Balut? Die Filipina macht‘s vor: Das Ei wird vorsichtig an der dickeren Seite aufgeschlagen und die Schale entfernt, bis ein kleines Loch entsteht. Die Flüssigkeit im Inneren wird zuerst aus dem Ei getrunken. Sie schmeckt leicht salzig, hat eine bräunliche Farbe und erinnert an eine Kraftbrühe.

Nun kann das Ei komplett geschält werden. Das Innere besteht aus dem Eiweiß, dem Eigelb und dem Enten-Embryo, bei dem man je nach Entwicklungsstadium bereits Schnabel, Flügel und Füße sehen kann. Das Eigelb ähnelt sowohl optisch als auch geschmacklich stark dem hart gekochten Hühnerei, wie es der Europäer kennt. Der Geruch ist weniger abschreckend als man glauben möchte.

Lediglich ein leichter Schwefelschleier begleitet das Erlebnis. Das Eiweiß ist relativ fest und gummiartig und erinnert beim Abbeißen an die gallertartigen Tintenfischringe. Am liebsten tunkt der Filipino die Eier in Salz oder eine Essig-Zwiebel-Mischung.

Balut auf den Philippinen

Wer sich traut, kann zum Schluss das kleine Küken essen. Nach dem deutschen Verständnis ist es unvorstellbar, einen Embryo zu essen. Doch wer bestimmt eigentlich, was gegessen werden darf?

Im Prinzip legt das jede Kultur selbst fest: Die Menschen, die Möglichkeiten zur Verarbeitung und die vorhandenen Lebensmittel bilden diesen Rahmen, der von Land zu Land unterschiedlich ist.

Viele Touristen reisen nach Asien mit einer gewissen Neugier und Offenheit für die Kultur. Wenn es aber darum geht, diese Neugier zu beweisen und zum Beispiel ein heranwachsendes Küken aus dem Ei zu schälen, machen viele einen Rückzieher. Das hängt möglicherweise zusammen mit der vertrauten Sicherheit des eigenen Kulturkreises, die viele Menschen trotz der angeblichen Neugier suchen und teilweise sogar erwarten. Touristisch breit getrampelte Länder haben sich auf solche Reisenden längst eingestellt und bieten die fremde Kultur in einem vertrauten Umfeld an. So erwarten viele Europäer beispielsweise dieselben Hotelstandards in Asien, wie es sie in der Heimat gibt.

Die Philippinen ziehen hier allerdings bisher nicht mit. Vieles ist und bleibt ursprünglich und noch nicht angepasst an ausländische Erwartungen. Zwar gibt es auch hier Coca-Cola und McDonalds, doch bei vielem anderen bleiben die Filipinos ihrer eigenen Kultur treu. Und wer den Mut aufbringt, das vorgeprägte Denken und eine gewisse Erwartungshaltung hinter sich zu lassen, der wird den wahren Reiz eines solchen Landes erleben.

Foto: Island Capture