Kordillera: Die Philippinen sind wild in Nord-Luzon

Gerhard Wührer berichtet über einen „kleinen Ausflug“ nördlich von Bontoc.

Mit dem Teleobjektiv zoome ich die Stelle ran, die sich am vor uns liegenden Berghang als Grenze zur Provinz Kalinga in der Kordillera in Nord-Luzon erweist, markiert durch zwei übergroße Statuen. Die Jungfrau Maria und Jesus Christus darstellend – eine Eigenheit der Mountain Provinces. Eine Stelle entlang der Strasse dorthin, die man schon aus weiter Ferne sehen kann, hat sofort meine Aufmerksamkeit erregt – ein Bergrutsch. An und für sich nichts Ungewöhnliches in diesem Teil der Philippinen, aber diese hier war von besonderer Art. Der Großteil des Bergrutsches war nämlich unterhalb des Strasssenbelags erfolgt und hat sich nicht wie üblicherweise von oben her über die Strasse ergossen. Und da sollten wir jetzt drüber?

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Über ein Stück Strasse, welches in der halben Breite keine feste Verbindung mehr zum Untergrund aufwies? Der Rest, der offensichtlich noch befahrbar war, schien eher auf Schotter als auf Felsen errichtet worden zu sein. Das Abflussrohr das unter dem Belag hervorlugte, verstärkte diesen Eindruck noch. Würde man ein Abflussrohr in einen Felsen einbauen? Nein das war wohl eher als Drainage gedacht, vorbeugend, um zu verhindern, was nun doch geschehen war.

Für Touristen, die sich auch gerne mal auf etwas abenteuerlichen Terrain bewegen wollen, ist die Fahrt in der Mountain Provinces ein unvergleichliches Erlebnis. Dazu gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten auf wenig frequentierten Strassen die Wildheit dieser Provinzen zu erfahren. Eine Möglichkeit davon ist die Fahrt von Bontoc nach Tarbuk. Es war Mittag, wir befanden uns in Bontoc und hatten nicht die Absicht die Mountain Provinces bereits Richtung Baguio verlassen zu wollen. Das Hotel in dem wir beabsichtigten für die nächste Übernachtung einzuchecken, war nur etwa 2 Stunden entfernt also musste ein Lückenfüller her: Die Strecke von Bontoc nach Tarbuk. Tarbuk am Ende dieser Strecke liegt in der Provinz Cagayan und stellt eine direktere Verbindung nach Tuguegarao dar (Hauptstadt von Cagayan) als die weitaus besser ausgebaute Strecke über Banaue und Solano. Diese ist allerdings auch mehr als doppelt so lang.

Bontoc liegt auf der Strecke von Banaue nach Sagada / Baguio. In Bontoc überquert man von Banaue kommend die Bücke über den Chico River und am Ende dieser Strasse (nach ca. 300 m) biegt man links nach Sagada / Baguio – Etappe vieler Rundreisen in Nord-Luzon zu den Reisterrassen – und rechts nach Tarbuk ab. Und damit tritt man ein in eine komplett andere Welt. Am Ortsende von Bontoc steigt aus einem verfallenen Haus Rauch auf, was vermuten lässt, dass hier ein Brand stattgefunden hat. Sich dem Gebäude nähernd erweist sich diese Vermutung als falsch. Hinter den noch stehenden Wänden türmen sich Unmengen von schwarzen Müllsäcken. In Brand gesetzt und dennoch nur glosend, da die Vielzahl der Säcke keine ordentliche Durchlüftung ermöglicht – Müllverbrennung auf philippinisch.

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Die Strasse, die meistens mit dem Chico River entlang der Berghänge verläuft, ist kurvenreich, eng, mit herabgefallenen Steinen übersät und ganz wenig befahren. Das erklärt auch, warum durch Bergrutsche beschädigte Strassenstücke nur ganz langsam eine Erneuerung erfahren. Je weiter man sich von Bontoc entfernt desto tiefer liegt der Chico unter uns. Aber von Entfernen kann gar keine Rede sein, die Andersartigkeit dieser Landschaft zwingt uns fast alle 2 km anzuhalten, auszusteigen und das zu Sehende als Foto zu verewigen. Enge Schluchten durch die sich der Fluß sein Bett gegraben hat.

Nicht enden wollende Mäander an deren Hängen, die sich von den Flußufern erheben, Gemüse- und Reisanbau betrieben wird. Dörfer unter uns, umgeben von Reisterrassen, die nicht mit einem Fahrzeug erreicht werden können. Hängebrücken die über den Fluss führen um zu den Dörfern und Terrassen gelangen zu können. Eine Brücke entlang der Strasse die in die Schlucht unter ihr gestürzt ist (nicht sehr vertrauenserweckend die Brücke die an ihrer Statt errichtet wurde!). Ein Jeepney, das Personen transportiert, diese Brücke gerade überquerend, wirft die Frage auf, wohin es wohl fährt. Etwa die ganze Strecke nach Tarbuk? Wie lange dauert das denn?

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Einige der vielen Fragen ob der vielen Eindrücke die sich in dieser abgelegenen, wenig bewohnten Region in deinem Hirn formen. Aber nun heisst es die Entscheidung zu treffen, ob wir dieses Stück Strasse überqueren wollen, um an die Grenze von Kalinga gelangen zu können. Die Beobachtung, dass gerade ein Jeepney – vermutlich auch wieder voll mit Leuten – die Stelle passiert, macht Mut und deshalb nehmen wir es auch in Angriff. Zugegeben, wenn man sich auf diesem Teil der Strasse befindet, ist es gar nicht so schlimm. Aber das Wissen, was unter einem ist bzw. NICHT ist, lässt einem einen Schauer über den Rücken laufen. An dem Übertritt zur Grenze machten wir schliesslich kehrt. Wissend, dass es noch weitere 120 km faszinierender, atemberaubender Landschaft zu sehen gäbe. Für die 40 km bis zu diesem Punkt haben wir, mit all den Stopps, schon drei Stunden gebraucht. Deshalb war es uns ein Anliegen vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Bontoc zu sein.

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Bei der zweiten Überquerung meiner ungeliebten Stelle, von der man aber einen sehr guten Überblick über die Landschaft hat, fiel mir ein Gebäude am gegenüberliegenden Hang auf.

Hochgelegen und wie es den Anschein hat, mit einer Strasse verbunden, die extra für dieses Gebäude gebaut wurde. Etwa 3 – 4 km lang schlängelt sie sich von der Hauptstrasse den Hang hoch und endet dann – man mag es fast nicht glauben – an einer Schule.
Und neuerlich formierten sich Fragen in meinem Kopf. Wie schaffen es die Menschen in den Philippinen, das alles zu finanzieren? Übrigens eine Frage, die sich hier oft stellt, wenn man weiss, dass viele Kinder jeden Tag für ihren Weg zur Schule ein Transportmittel benützen müssen – die Kosten dafür aber selbst tragen.

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Gerhard Wührer (Text und Bilder) reist gerne durch Nord-Luzon und lässt die Kamera am Pinatubo, in Vigan und besonders in der Kordillera in den Reisterassen in Banaue, Batad, Sagada, Bontoc und anderen Orten klicken. Seit diesem Jahr nimmt er auch Videos mit einer Flugdrohne auf.