Spontan im Urlaub: Lehrer an einer philippinischen Schule

Wie ein Luxemburger ganz spontan zum Lehrer an einer philippinischen Schule wurde. Ein Gastbeitrag von Alf Jacoby.

Schule Philippinen I

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen. Wenn einer eine Reise mit meiner Ehefrau macht, dann muss er sogar mit Allem rechnen, wenigstens aber mit dem Außergewöhnlichen.

Vornweg mal eine Erklärung meiner Tochter. Sie trifft den Kern, sie beschreibt ihre Mutter sehr gerne so: „ …. eine ungebändigte, positive Naturgewalt“. Dementsprechend sind dann auch die Erlebnisse mit meiner Frau.

Bei der letzten Philippinenreise galt es, ihre alte Freundin Malou zu besuchen. Malou studierte u.a. in den Niederlanden, war unser Trauzeuge vor Urzeiten, lehrt jetzt seit 35 Jahren an der Don Mariano Marco Memorial State University (DMMMSU) in Bacnotan, Provinz La Union. Seit dieser Zeit haben mir uns nicht mehr sehen können, trotz unseren regelmäßigen Besuche in La Union. Es hat sich halt nie ergeben.

Diesmal sollte es anderes werden. Eines morgens brachen wir in San Juan mit dem Jeepney zur DMMMSU in Sapilang, einem Baranguay von Bacnotan, auf. Wie immer war eine Jeepneyfahrt außergewöhnlich, besonders dann, wenn man nicht genau weiß, wo man hin wollte. 37 Jahre Erinnerungen verblassen nun mal. Mit Durchfragen klappte es dennoch. Die Filipinos sind da echt freundliche Helfer. Das Umsteigen in Bacnotan und das Warten in der prallen Sonne auf den Jeepney nach Sapilang, stellten sich auf dem DMMMSU Gelände als unnötig heraus. Der Bus wäre auch ohne Umsteigen sofort dorthin gegangen. Wenn man gewusst hätte, dass ab San Juan Sapilang direkt angefahren wird. Egal, wenigstens die Rückfahrt war also schon mal vereinfacht.

Die Suche nach Malou auf dem Campus war dann auch nicht mehr schwierig. Frau Doktor ist bekannt, und in Kürze gab es ein tränenreiches, herzliches Wiedersehen, eben wie es bei Filipinos nach so langer Zeit ist.

Der Höhepunkt des Tages. Dachte ich. Die beiden Damen hatten sich so Einiges zu erzählen. Die Unterrichtsstunde nahte. In der Gefahr, dass die Geschichtsstunde ausfallen könnte, musste schleunigst ein Aushilfslehrer herbei gezaubert werden. Es traf mich. Erst dachte ich, ich hätte mich verhört, aber ehe die Damen mich entkommen ließen, wurde die Erlaubnis beim Rektor eingeholt. Es gab kein Entkommen mehr. Auch auf die Frage hin, was ich denn nun zwei Dutzend Teenagern erzählen sollte, war schnell eine Lösung gefunden. Es sollte „Die Europäische Union und ihre Geschichte“ werden. Naja, es hätte schlimmer kommen können, und ich wollte den Mädels ihr Wiedersehen nicht versauern. Es blieben mir 10 Minuten Vorbereitungszeit.

Schule Philippinen II

Als Gastredner wurde ich den Jugendlichen vorgestellt. 25 Dunkeläugige starrten, in ihren gebügelten Schuluniformen, auf mich. Ich in Shorts und Slippers, also nicht gerade lehrerkonform. Die Damen, auf ihren Stühlen vor der Klasse, hielten in ihrem Plausch inne, und schauten, ob ich in die Gänge kommen und was mein Lehrstoff sein würde. Übung, vor Publikum zu reden, hatte ich ja schon aus meiner aktiven Arbeitszeit. Da ging es eher darum, dem Management zu erklären, warum etwas in der Firma nicht funktioniert hatte. Mit der Zeit lernte man auch hier Geschichte(n) zu erzählen, also konnte das vor der Klasse nicht daneben gehen.

Nun, der Schwerpunkt des Gastkurses lag darin, wie die EU entstanden ist, was die Vor- und Nachteile heute sind. Und das eben die Gefahr eines Krieges durch das Zusammenrücken der Nationen weitgehend gemindert wurde.

Eigentlich war die Gruppe ganz Ohr, sogar sehr aufmerksam. Nur einer, in der hintersten Reihe, etwas verdeckt, hatte seine liebe Mühe mir zu folgen. Er war entschlafen, oder dachte tief nach. Es half nichts, ich erinnerte mich an meine eigene Schulzeit, wie die Lehrer dann vorgingen. Ich stellte einfach etwas ekelhaft eine spaßige Frage an ihn. Er erschrak. Ich wollte ihn ja nicht bloßstellen, siehe Gesichtsverlust in der philippinischen Kultur. Sein Nachbar half ihm aber gezielt aus der Patsche. Diese Schülerhilfe fand ich sehr gut.

Ich glaube, ich machte meine Sache recht ordentlich, die Damen hatten mittlerweile den Saal in Richtung Kantine verlassen. Sie vertrauten mir.

Es kam der „Fragen und Antwort“ -Teil. Zögerlich ging es los. Fragen über die Kultur unseres Landes, das Arbeitsrecht der EU, und eben die Migrationspolitik der EU waren noch recht interessante und einfache Fragen. Kniffliger wurde es, wie die EU zu der „1 Kind pro Familie“ stünde ? Es zeigte mir doch, dass Familienplanung nicht unbekannt bei dieser Gruppe war.

Die Macht des Fernsehens kam dann geballt mit der letzten Frage, warum es in Deutschland immer noch Nazis geben würde ? Aus dieser Zwickmühle musste ich erst einmal heil heraus kommen. Ich wurde vorsichtig, die Damen waren jetzt auch wieder vom Kaffeeplausch zurück. Meine Erklärung war die, dass es in Europa, wie überall, Minderheiten gibt, die gezielt Andere beeinflussen. Dass die Beeinflussten vorwiegend ungebildete, arbeitslose Jugendliche sein würden, und dass man Fernsehbilder immer kritisch sehen sollte. Oft grenzen Fernsehbilder an Manipulation und Sensationslust. Das hatten sie mir dann auch abgenommen, und ich glaube, ich kam einigermaßen heil aus dieser Sache raus. Sie verstanden bestimmt, wie wichtig Bildung bei solchen Themen sei.

Nach mehr als einer Stunde wurde ich dann aus meiner Aufgabe entlassen. Ich glaube, ich hatte mein Mittagessen in der Kantine an dem Tag mehr als verdient. Aber es hatte mir auch Spaß bereitet.

Hier erfuhr ich dann auch, dass besonders drei Studenten ihre Mitschüler gezielt mit Fragen an mich fütterten. Es war mir echt entgangen, dass Spikzettel im Umlauf waren. Ich fand dieses Vorgehen sogar gut. Es war einfach ein Spiegelbild einer Gesellschaft, die von der Gruppe lebt, eben Gruppendenken. Kein Ellbogen-Denken.

Beim Abendessen, in einer typisch philippinischen Großfamilie, bei Malou, gab es das Echo. Die Studenten erfragten eine erneute Stunde, diesmal zu den Problemen der Jugend bei uns. So falsch kann mein Auftreten also nicht gewesen sein. Leider reisten wir am folgenden Tag ab.

Heute, etwa vier Wochen später, kann ich meiner Frau für dieses einmalige Erlebnis nur danken. Nachhaltig ist es allemal, jedenfalls für mich. Die Fragen der Jugendlichen schwirren mir noch im Kopf herum. Ich hoffe, dass es den Studenten mit meinen Antworten ähnlich ergeht.
Ein aufregender Moment in meinem Leben, etwas was mit Geld nicht zu erkaufen ist. Der Beweis, dass Jugendliche in aller Welt eigentlich sehr ähnlich denken.

Fotos: Alf Jacoby