Claveria: Im Norden von Nordluzon – Fotogeschichten

Fotos und Reisenotizen von Dariusz Oczkowicz:

„Wie hast Du dieses Bild gemacht?“ – diese oder ähnliche Frage bekomme ich gelegentlich zu hören. Sie scheint einfach zu beantworten zu sein, dennoch ringe ich jedes Mal um Worte. Ich vermute, dass die Frage auf die Bildbearbeitung am Computer zielt, doch wenn es so ist, dann zielt sie eben am Meritum Res vorbei…

Ja, wie habe ich dieses Bild gemacht? Es war einfach so:

Es ist Sonntag, der 31. März 2013. Kein gewöhnlicher Sonntag, denn es ist ein Ostersonntag. Wer die Philippinen kennt, weißt um die Bedeutung der Holy Week für das Land. Es ist schwer zu vermitteln, was in dieser Zeit hier geschieht. Eine wahre Mixtur aus Chaos, Völkerwanderung, Glaube, Aberglaube, Ekstase, Familienfeier, Urlaub und Faulenzen: jedem was ihm gefällt, irgendwie. Für mich war es eine beschwerliche, aber durchaus eindrucksvolle Zeit. Doch jetzt gehört sie schon fast der Vergangenheit an. Jetzt fahre ich auf meinem Motorrad entlang der Nordküste Luzons und lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen. Nur gelegentlich bleibe ich stehen, um etwas zu knipsen. Nach zwei Monaten ist die Anzahl geschossener Bilder direkt proportional zu den zurückgelegten Kilometern: es sind paar Tausend. Ich habe meine „Arbeit“ getan, jetzt rolle ich den Highway entlang, meiner persönlichen „route 66“ folgend.

Claveria in Nord-Luzon - Philippinen

Claveria in Nord-Luzon – Philippinen

Am Nachmittag halte ich Ausschau nach einem Nachtlager. Claveria – hier soll es Übernachtungsmöglichkeiten geben. Claveria als eine Stadt zu bezeichnen wäre wirklich vermessen. Es ist eine größere Siedlung, ohne erkennbares Stadtzentrum, ohne Jolybee und McDonalds (den beiden Wahrzeichen einer echten philippinischen Stadt). Doch Claveria hat einen Strand. Und was für einen!

Die Resorts und Pensionen haben ihre beste Zeit schon hinter sich, oder sie sehen einfach so aus. Anscheinend verirren sich nur wenige Ausländer in diese Gegend, die dafür bei den philippinischen Gästen doch sehr beliebt zu sein scheint. Ich steige im Bayview Inn, einer sehr angenehmen Unterkunft, geführt von einer älteren, charmanten Dame. Die Atmosphäre ist entspannt. Aus dem Fenster sehe ich den Strand und die Wellen. Die Aussicht bezaubert mich.

Der Strand von Claveria liegt am Babuyan Kanal, einer Verbindung von Südchinesichem Meer und dem Philippinischen Meer. Die volle Wucht des Pazifiks schlägt hier gegen die Küste. Die Wellen sind groß, der Strand recht steil, das Wasser warm. Die zerberstenden Wellen lassen über dem Wasser eine Gischt entstehen. Diese wird vom Wind sanft landeinwärts getragen. Nebelschwaden gleich zieht die Feuchtigkeit ins Landesinnere. Die Sonne wird gleich untergehen, doch ihre Strahlen erscheinen in dieser Luft leicht diffus. Die Luftemperatur steigt sichtbar von Minute zu Minute. Durch meine dunkelbraune Sonnenbrille sehe ich gerade in den orangenen Tönen viel Kontrast, und das Licht scheint von den Wassertropfen getragen zu werden. Aber dies ist nur ein Teil der Magie.

Die wuchtigen Wellen brechen ohrenbetäubend und streben in langen Wasserzungen den Strand hoch. Was für ein Klang! Was für eine Kraft! Was für ein Spaß für die badenden Menschen! Es sind viele gekommen. Zahlreiche Familien nutzen die Feiertage für einen Strandbesuch. Kinder toben! Jugendlichen lachen vor Freude! Immer wieder werde ich angesprochen, eingeladen mich dazuzusetzen, etwas zu plaudern. Normalerweise lasse ich mich nicht lange bitten, aber jetzt muss ich leider ablehnen. Ich weiß, dass dieser Ort zu dieser Zeit etwas Einmaliges ist und sobald die Sonne untergeht, wird dieser Strand in der Nacht versenken. So ziehe ich die Wasserlinie entlang und mache Bilder, viele Bilder. Bilder von der Landschaft, Bilder von den Menschen, Bilder von den Wellen, von allem was hier passiert.

Dann ist das Licht auf einmal weg. Ich setze mich noch zu paar Leuten. Zwischen den Bangkas im Sand sitzend trinken wir gekühlten Emperador bis die Nacht kommt und ich langsam merke, dass ich den ganzen Tag eigentlich nichts gegessen habe.

Ja, so habe ich dieses Bild gemacht. Aber ich sehe, dass der Fragende etwas enttäuscht ist. Wie, keine Filter? Keine Retouche? Keine Montage? Hm… daran kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern.

Dariusz auf seiner Tour durch Nord-Luzon, mehr auf Flickr!
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