Rot oder Grün oder doch ein Leuchtturm?

Logbuch Teil 3: Alte Welle und fliegende Fische

Am "Steuerrad" ...

Am „Steuerrad“ …

„Wie ist die Lage da auf Deck?“ fragt der Kapitän und blickt nur kurz vom Laptop auf. „Sehr nass, mein KaLeu“, kommt fast die Antwort angesichts der Gewitterschauer in den Tiefen der Sulu See über die Lippen, aber das wäre dann doch der falsche Film. Wobei die Story der „Mescalito“ nach der Ausfahrt aus Puerto Princesa auf Palawan schon einige überraschende Wendungen erfahren hat.

Traumwetter am ersten Abend, Gewitter nur in Ferne und sogar etwas Wind aus der richtigen Richtung, so dass der Kapitän sogar die Segel setzt. Besonders das leichte Vorsegel wirkt wie ein Turbo und dem Schiffsdiesel wird eine Pause gegönnt. Und dann … Stille!

Ein wenig "Flaute" in den Segeln.

Ein wenig „Flaute“ in den Segeln.

Nur ein Knacken und Knistern im Segel. Bewegen wir uns überhaupt? „Drei Knoten machen wir bestimmt, gar nicht so schlecht“, meint der Kapitän und überlässt auch mal das Ruder. Jetzt kommt echtes Seefahrerfeeling auf, so wurde über Jahrhunderte die Welt per Segelschiff erkundet, erobert und miteinander verknüpft.

In der Nacht kommt der Schiffsdiesel zum Einsatz, der Wind hat nachgelassen. Viele Lichtpunkte sorgen für einen kleinen Slalomkurs, Fischer aus Palawan suchen weit draußen auf dem Meer nach Beute. Keine großen Schiffe in Sicht, obwohl das für vergleichsweise kleinere Boote eine Gefahr sein kann. Auch der Morgen verläuft ruhig, nur eine“alte Welle“, also unruhige See von einem früheren Sturm sorgt für rollende Bewegung. Seekrankheit stellt sich nicht ein, vielleicht liegt es aber auch am guten Schluck Jägermeister und dem Glauben an den guten Tropfen.

Und dann ist der da, plötzlich wie aus dem Nichts taucht auf Backbord ein ordentlicher Frachter mit einer beeindruckenden Bugwelle auf. „Wer hat hier Ausguck gehabt?“ raunzt der Kapitän seine Truppe an und weil die nur zwei Mann stark ist, kann sich auch jeder angesprochen fühlen. Die „Mescalito“ kreuzt auf dem Weg von Palawan nach Negros die erste größere Schifffahrtsstraße, von Nord nach Süd verlaufend.

Die Verpflegung an Board.

Die Verpflegung an Board.

Die See ist mittlerweile fast spiegelglatt, der Sonnenuntergang romantisch bis zum Anschlag, Spagetti mit frischer Tomatensoße a la Capitano werden serviert, die italienischen Wurzeln des Chefs schlagen durch. Fliegende Fische schnellen am Boot vorbei, ein paar Delfine tummeln sich in einiger Entfernung, der Diesel bekommt eine Pause, die „Mescalito“ driftet sanft in der endlosen Sulu See, eine Stille stellt sich ein, so nur auf dem Meer möglich. Romantik pur.

Kein Frachtschiff - alles im Lot ...

Kein Frachtschiff – alles im Lot …

Gut zwei Stunden später driftet die „Mescalito“ nach kurzer Fahrt wieder, aber ungeplant. Kurz nach Einbruch der Nacht stottert der Motor und verlangt nach einem Service. Und das auf halber Strecke in der Nähe der Cagayan Inseln. Damit nicht genug: die „Mescalito“ hat gerade die zweite Schiffsautobahn erreicht, kurz zuvor noch zwei große Frachter passieren lassen. Der Kapitän hat dabei defensiv agiert, beim Ausfall der Maschine dann auf ein Sicherheitspolster zählen können und so das Boot und seine Crew vor einem größeren Problem bewahrt.

Wer seekrank wird, hat hier seine Zuflucht.

Wer seekrank wird, hat hier seine Zuflucht.

Trotzdem hat das Team jetzt alle Hände voll zu tun. Kapitän und Bootsjunge werkeln an der Maschine, der dritte Mann hält Ausschau an Deck. Schon in der zweiten Nacht muss er sich voll auf sein Auge verlassen können, Lichter frühzeitig entdecken und mit Hilfe der grünen (Steuerbord) und roten (Backbord) Signallampen die Bewegung und Fahrtrichtung von Schiffen erkennen. Am Anfang ist das schwierig: „Da kommt ein Schiff, Kapitän!“ Nach kurzem Check der Farbe und Blinkfrequenz blickt der Kapitän kritisch herüber: „Extrem unwahrscheinlich, dass dieses Schiff auf uns zulauft! – Und warum? – Weil es der Leuchtturm der Cagayan Inseln ist!“

Die Stille ist gespenstisch, aus der Dunkelheit ist der mächtige Diesel eines riesigen Cargofrachters zu hören. Für den wäre die „Mescalito“ wie ein Stück Fliegendreck an der Windschutzscheibe eines großen LKW. Der Wind ist jetzt auch keine Hilfe, er hat sich nämlich komplett verabschiedet. Dann blubbert der Diesel endlich wieder, es kann weitergehen, die „Mescalito“ verabschiedet sich von den Cagayan Inseln, deren Leuchtfeuer schickt noch einen letzten Gruß.

Die Nacht wird nass und gewittrig, der Ausguck schwierig, „Das Boot“ lässt grüßen. Unter Deck ist es stickig, die Vorräte sind deutlich dezimiert, die Toilette erscheint noch kleiner als sie sowieso schon ist, Bücher werden hervorgeholt, Ablenkung gesucht. Ein Gesprächsversuch mit dem Kapitän, als der auf die Karte schaut: Wo geht’s denn Bitte nach Negros? – Kurs 110 Grad! – Und wann kommen wir an? – Wenn wir da sind!“ Also doch lieber wieder raus in die Nässe und die Horizontlinie nach Schiffen absuchen …

Mit PhilStep auf die Philippinen

Mit PhilStep auf die Philippinen

 
Autor:
Stephan ist normalerweise auf Nordluzon unterwegs.
Mit PhilStep bietet er Rundreisen an.

Ziele sind u.a. der Pinatubo Vulkan,
die spanische Kolonialstadt Vigan
und natürlich die Kordillera mit
den hängenden Särgen in Sagada und
den weltbekannten Reisterrassen.

 
 
Weitere Bilder hier:
(Zum Vergrößern bitte das Minibild anklicken …)

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