Verantwortung für die Toten von Tacloban: Analyse des Taifuns Yolanda

9. Dez. 2013 – Die deutschsprachige Ausgabe des „Wall Street Journals“ hat eine Analyse der Taifun-Katastrophe von Tacloban veröffentlicht, die sehr lesenswert ist. Nachfolgend ein paar Zitate daraus, den vollständigen Artikel gibts hier: http://www.wsj.de/

In der ersten Novemberwoche dieses Jahres bewegte sich einer der heftigsten Tropenstürme, der je auf Land treffen sollte, auf Tacloban zu. Die Stadt lag direkt in der Einfallschneise des Supertaifuns. Die Verantwortlichen waren vorgewarnt und hatten, Tage bevor das gewaltige Sturmsystem über die Philippinen hereinbrechen sollte, eilig Vorbereitungen getroffen. Gegen Ende der Woche waren sie überzeugt, alles im Griff zu haben. Doch es gelang ihnen trotz energischer Anstrengungen nicht, viele der am stärksten gefährdeten Anwohner aus der Gefahrenzone zu bringen.

Die Wetterbeobachter machten zudem ein seltenes Vorkommnis aus: Das Risiko einer Sturmflut, die bis zu sieben Meter hoch anschwellen könnte. Das war ungewöhnlich, denn Taifune sind zwar stets von starken Winden begleitet, bringen aber in der Regel keine sich auftürmenden Wellen mit sich. Diese Beobachtungen deuteten auf die Wahrscheinlichkeit hin, dass Taifun Haiyan die gleiche Wirkung wie ein massiver Tsunami entfalten könnte. (Anm.: Was bereits bei den Taifunen im Vorjahr und vor zwei Jahren in Mindanao beobachtet wurde, wenn auch nicht so extrem.)

Die Wahrscheinlichkeit einer Sturmflut, die die Wetterbeobachter in Manila ausgemacht hatten, ließ der Bürgermeister von Tacloban Romualdez, unerwähnt. Er und andere Stadtobere verteidigen sich heute: Sie hätten kaum eine Vorstellung davon gehabt, was mit dem Begriff überhaupt gemeint gewesen sei, ganz zu schweigen davon, wie verhängnisvoll diese Sturmflut ausfallen könnte.

Hunderte Beamte – darunter auch die glamouröse Frau des Bürgermeisters, Cristina „Kring-Kring“ Gonzales-Romualdez, eine Stadträtin und ehemalige Filmschauspielerin – zogen durch die Straßen der Stadt und klopften an die Haustüren, um die Bürger zu warnen. Im Radio und im Fernsehen appellierten sie an die Bewohner, unbedingt Schutz in einem der Evakuierungszentren zu suchen. Aber sie zwangen niemanden mit Gewalt dazu, sein Haus auch wirklich zu verlassen.

Innenminister Roxas und seine Mannschaft kamen am Donnerstagnachmittag am Flughafen von Tacloban an. Roxas wies die Beamten der Stadt unter anderem an, die Blechdächer der Schulen zu sichern und zu beschweren. Als er anschließend durch die Stadt fuhr und die Sicherheitsvorkehrungen unter die Lupe nahm, schien Roxas zufrieden mit dem Anblick, der sich ihm bot. Er schrieb auf Twitter, es habe den Anschein, als sei die Situation unter Kontrolle. „Daumen drücken“, notierte er. „Gott segne alle.“

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Taifun Haiyan traf am Freitag, den 8. November, in den frühen Morgenstunden mit voller Wucht in Tacloban auf Land. Innerhalb weniger Minuten rafften die Wassermassen, die Haiyan mit sich führte, die Verteidigungslinien der Stadt fast völlig dahin. Die Anstrengungen der gesamten vorherigen Woche erwiesen sich im Handumdrehen als nutzlos. „Vielleicht hätten wir ‚Tsunami‘ sagen sollen. Dann wäre den Menschen die Gefahr wenigstens stärker bewusst gewesen.“, sagte später Innenminister Roxas.

Er habe den Präsidenten gebeten, mehr Mitarbeiter der Staatsregierung und Angehörige der Streitkräfte nach Tacloban zu schicken, damit die zerstörte Stadt wieder auf die Beine käme, berichtet Bürgermeister Romualdez. Doch ihre Gespräche verzettelten sich bald in bürokratischen Details und Protokollfragen. Nach Angaben von Offiziellen der Stadt, unter ihnen auch der Vizebürgemeister, schlug Präsident Aquino vor, der Stadtrat solle dazu einen Antrag verabschieden. Sprecher von Aquino ließen später wissen, ihnen lägen keine Informationen über dieses Gespräch vor.

Erst am 11. November, verhängte die Regierung von Aquino den Notstand, um sich dem Problem zu widmen sowie mehr Ressourcen frei zu setzen und sich an den Hilfsbemühungen zu beteiligen. Verzweifelte Einwohner der vernichteten Stadt nahmen das Gesetz in die eigene Hand. Sie brachen in Lebensmittelläden ein, in Drogerien und in Einkaufszentren.

Später gab Präsident Aquino sein Urteil über die heimgesuchte Stadt ab. Auf einer Pressekonferenz sagte er über Tacloban: „Ich sage das nicht gern, aber es hat den Anschein, dass die Stadt im Vergleich zu anderen Gebieten nicht sonderlich gut vorbereitet war.“

Endlich trafen, mit Hilfe des amerikanischen Militärs und anderen, mehr und mehr Hilfslieferungen in Tacloban ein. Hunderte zusätzliche Soldaten und Polizisten wurden in die Stadt entsandt.

Sie hätten das Ausmaß des Sturms und seine vernichtende Wucht einfach nicht vorhergesehen, sagen die für die Katastrophenbewältigung in Tacloban Zuständigen bei der Bewertung des Schadens. Und zwar selbst dann nicht, nachdem der eigene staatliche Wetterdienst und Präsident Aquino Sturmfluten von bis zu sechs Metern Höhe prognostiziert hatten.

Dass es durchaus auch anders geht, zeigt das Beispiel Guian. Die Stadt evakuierte konsequent, ohne sich mit Begrifflichkeiten aufzuhalten. Das Ergebnis sind nur relativ wenige Todesfälle …


Quellen: http://www.wsj.de/article/SB10001424052702303281504579221522351997500.html
und http://www.wsj.de/article/SB10001424052702303289904579199222066389880.html