Die philippinische Presse

Was mir diese Woche mal wieder besonders auffällt ist, dass die Philippinen die Presse und den Rundfunk anders einsetzen als man das aus dem Westen gewohnt ist. Im Westen bezeichnet man ja gerne die Presse als vierte Macht im Staate, nach der Exekutive (Polizei), Legislative (Gesetzgeber) und Judikative (Gerichte). Man hat der Presse die Macht und Aufgabe zugesprochen, diese drei wichtigen Säulen der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu überwachen.

Auch wenn das manchmal nicht zu 100% funktioniert, aber im Grundsatz funktioniert das gegenüber den Philippinen sehr wohl. Denn hier erscheint einem manchmal die Presse wie ein Sprachorgan desjenigen, der gerade irgendwelche persönliche Ziele damit verfolgt. Mal ein paar Beispiele zum philippinischen Presse- und Rundfunkwesens, um das zu verdeutlichen.

Zitate

In Europa beispielsweise ist man gewohnt, den Autor eines Zitats zu nennen, das man in einem Artikel liest oder in einer Talkshow hört. In den Philippinen wird man zwar dieses in ähnlicher Form auch vorfinden, allerdings in viel häufiger. Denn viele Artikel bestehen anscheinend nur aus Zitaten, ohne eigenen Beitrag des schreibenden Redakteurs. So ist es sehr auffällig zu lesen: „er sagte“, „ergänzte er“, „er zitierte“, „meinte er“, „unter Verlautbarung“, usw.

Denn wenn ein Journalist etwas über die Zitate hinaus gehendes schreibt, dann muss man genau hinschauen, da man vermutlich sich im ‚Editorial‘ befindet, also im „Kommentar“-Bereich.

Man verlässt sich auf die Aussage des Zitierten, ob es stimmt oder nicht. Sagt der was Falsches, kein Problem – der Fehler, wenn ihn denn jemand überhaupt entdeckt und dann auch noch anspricht, lag dann nicht an der schlechten Arbeit des Autors, sondern an demjenigen welchen man zitierte. Ein asiatisches Prinzip, das sich auch in anderen Bereichen der Kultur wiederholt (Prinzip der Indirektheit und Schutz vorm Gesichtsverlust).

Recherche

So verwundert dann nicht, dass es anscheinend kaum oder zumindest wenig echte Recherchen gibt. Zugegeben Recherche ist aufwendig, erfordert eigenes Wissen, oft auch ein Mindestmaß an Intelligenz und kostet damit Geld. Erspart man sich die Investition, dann kommt eine Art „Plastikjournalismus“, ein Nachahmer- oder Kopiereffekt heraus. Da man sich aber nicht daran stört, muss man das nicht ändern und auch nicht mehr investieren. Die Ansprüche sind erfüllt.

Ein anderer Grund für die wenigen Recherchen, könnten aber auch im politischen System liegen. Denn bis zur letzten Regierung (also vor Aquino), waren Journalistenmorde fast an der Tagesordnung. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen sprechen Bände darüber! Da lernt ein Journalist dann doch lieber die „copy & paste“-Funktion, das geht schneller und bietet eine höhere Lebenserwartung.

Aber auch bei Sachbeiträgen erinnere mich an eine Meldung vom Wetteramt, dass vor Palawan ein Tiefdruckgebiet mit der Geschwindigkeit von 330 km/h sei. Ja Donnerwetter, warum nur weiß ich nichts vom Supertyphoon? Meine kurze Recherche ergab: ein harmloses Regengebiet zog in einer Entfernung von 330 km an Palawan langsam vorbei. Dem Redakteur hätte das ebenso ins Auge stechen müssen, was er da schreibt. Vielleicht trainiert in Nachhilfe noch etwas „copy & paste“.

Fakten

Wer braucht Fakten, wenn der Leser ohnehin nicht zwischen den Zeilen liest? Denn statt Fakten zu liefern, berichtet man gerne über Meinungen. Tsismiz – am Fernsehen! Da werden Leute zu Fakten befragt, die aber nichts wissen, aber dennoch gerne was sagen! Wo ist der Fehler? Die Leute mit eingebauter Dampfplauder-Mechanik gibt es überall. Aber die Organe die das dann verbreiten, sehen ihre Aufgabenstellung in Europa anders als in den Philippinen – zumindest bei Nachrichten.

Ein Beispiel vom Fernsehen: Nachrichten werden sehr gerne wiederholt, nein – nicht einmal, sondern in einer Dauerwiederholung von Meinungen oder einer einmal eingefangenen Szene. So prägen sich exakt diese immer wiederkehrenden Bilder in die Köpfe der Zuschauer ein. Ob eine gezeigte Person wirklich ein Verbrecher ist, wird dann schnell zur Nebensache.

Die Macht des Bildes besiegt da schnell die Macht der Presse oder verbünden sich die beiden sogar? Da fällt es gar nicht mehr auf, dass Berichte ohne etwas Neues zu liefern, als Wiederholung gesendet werden.

Vorverurteilung

In Kriminalfällen wird dann ein Verdächtiger oft als erwiesen Schuldiger hingestellt. Es werden oft komplette Namen, Bilder oder Adressen gezeigt. Auch wenn sich dann später herausstellen sollte, dass alles ein Irrtum war. Den Fehler beging dann ja nicht die Presse, die man sowieso kaum belangen kann.

Beweise, Indizien oder andere Fakten, benötigt man dann nicht mehr, wenn mündliche Zeugenaussagen immer wiederholt werden. Es gibt leider auch genügend Fälle, wo dies zum klassischen Fehlurteil führte. Ebenso schlimm ist, dass so oft die Täter in Freiheit bleiben.

So werden aber auch fehlerhafte Meldungen nur manchmal korrigiert. Z.B. steht dann in einem Nebensatz, dass die Meldung des Vortages einen Fehler hatte. Auch wenn der Fehler zu einer gegenteiligen Aussage führte, in der Wahrnehmung des Lesers, bleibt häufig die falsche Aussage, als richtig hängen.

Privates

Es gibt Interviewsendungen, die den Anspruch erheben Menschen der Öffentlichkeit „kritisch“ zu hinterfragen. Doch was für eine kritische Hinterfragung ist es denn, wenn man die Justizministerin befragt warum sie nicht verheiratet sei? Einerseits werden Tabus kultiviert und andererseits wird das Privatleben von Persönlichkeiten in politische Gespräche eingebaut.

Wenig verwunderlich, wenn dann ein pensionierter Erzbischof, dem man sicher nicht die Kompetenz eines Eheberaters zusprechen kann, dem Präsidenten rät nicht zu heiraten. Da entsteht sehr schnell der Verdacht, dass mit diesen „Eindrücken“ gezielt Stimmungen erzeugt werden sollen.

Ränkespiele

Da gab es vor einigen Tagen den Fall, dass der Sohn der ehemaligen Präsidentin und dessen Ehefrau eine Anklage wegen Steuerhinterziehung erhielten. Sofort beginnen kontroverse Diskussionen und sogar die Kirche gibt über die Presse ihren Senf dazu. Als Zwischenergebnis behauptet dann der Angeklagte, dass die Anklage „nur“ politische Spielchen seien und sich verschiedene politische Gruppen an ihm und seiner Mutter rächen wollten.

Wer weiß derzeit was hier die Wahrheit ist? Aber dieses System ist kein Einzelfall. Auch kam der Präsident wegen einer mutmaßlichen „Reiskrise“ unter Beschuss, was er zunächst komplett als „Verschwörung“ dementieren lies, um dann doch stückweise Details zuzustimmen. Was sind Fakten, was sind Meinungen oder gar gezielte Falschmeldungen?

So gibt es auch aus dem Dunstkreis des ehemaligen Diktators Marcos Aussagen, dass die „Mehrheit“ des Volkes es sich wünsche, dass Marcos auf dem Heldenfriedhof bestattet würde. Ob diese „Mehrheit“ gezielte Stimmungsmache oder Fakt ist, will derzeit Vizepräsident Binay herausfinden.

Ein anderer Fall wo das selbe Prinzip Verwendung findet ist, Willie Revillame, der „Starmoderator“, der wegen angeblichem „Kindesmissbrauch“, als er ein weinendes Kind auf der Bühne „verheizte“ in die Schlagzeilen geriet. Doch auch hier stellen sich Fragen wie: Wem nutzen diese „bad news“ und welche Interessen haben die Leute wirklich, die ihn jetzt in Verruf bringen?

Stimmungen

Doch es gibt noch viel subtilere Methoden der Stimmungsmache. Politiker versuchen weltweit die Medien zu nutzen. Medienpräsenz ist eine Chance zum indirekten Stimmenfang. Man sieht so immer wieder die selben Gesichter in Talkshows, wo sie gebetsmühlenartig sich als Experten für viele Themen ausgeben.

In den Philippinen findet sich die Nutzung dieses Systems perfektioniert wieder. So findet man einen kleineren Politikerkreis in einer deutlich höheren Wiederholungsrate im Fernsehen und Berichten wieder. Mag das Thema auch noch so unwichtig erscheinen, dem Ziel nutzt es dennoch. Als aus dem Westen stammendem Menschen, kommt dies häufig als penetrant vor. Aber ein Filipino empfindet dies eher nicht so.

Manipulation

Ähnlich dem italienischen „System Berlusconi“, der seine Macht über lange Zeit durch den Besitz der wichtigsten Presse- und Rundfunkorgane begründete, erscheint das philippinische System. Hier ist es aber nicht so, dass diese Organe im Besitz eines Einzigen lägen. Die Verteilung ist etwas gestreuter über die Familien die den Großteil der philippinischen Wirtschaft besitzen.

Doch im Wesentlichen verfolgen diese Familien alle sehr ähnliche Ziele: die Vermehrung des Familienbesitzes. Dass man dann Streitigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Politikern zeigt, wirkt manchmal schon wie ein gut eingeübtes Theaterstück, zu dem sich Presse und Rundfunk leider instrumentalisieren lassen.

Wenn gar nichts mehr geht …

Als Ausländer fallen einem manchmal bestimmte Aussagemuster auf, die einem Filipino nicht so schnell ins Auge stechen, wie das umgekehrt ja auch der Fall ist, da jeder eine Anfälligkeit für „Betriebsblindheit“ hat. So bemerkte ich vor über 15 Jahren einen Ausspruch aus wohlhabenden Kreisen, als meinem Gegenüber die Argumente ausgingen und mich dann aufforderte: „You should respect our culture.“

Damals fiel mir sofort auf, dass ich dem Gegenüber keinen Anlass für eine Zurechtweisung dieser Art gab, da ich es war, der sich respektvoll zeigte und im Rahmen des Machbaren nach Lösungen strebte. Allerdings war eben gerade der damalige Gesprächspartner alles andere als offen oder gar zu einem Kompromiss bereit. Und so prägte sich diese Aussage in mein Unterbewusstsein ein!

Diese Woche wurde ich wieder Zeuge dieser Aussage, als ein höherer Kirchenvertreter den Präsidenten dazu aufforderte, Respekt vor seinem Land und seinen Traditionen zu haben! Da war es wieder, das Totschlägerargument! Im Prinzip die „Kapitulationserklärung“ in der Argumentation des Kirchenmannes, der merkt dass der Präsident nicht seine Argumente aufgreift und dann indirekt ans Volk appelliert: „Wie wollt Ihr solch einen Kerl noch respektieren?“

Ein traditioneller Satz, den man immer wieder – wenn auch nicht gerne – hört. Nicht nur in Presse und TV …

Die Folge?

Nun kann auch bei guten Kenntnissen der lokalen Gegebenheiten, niemand von sich behaupten, alle Nachrichten richtig zu verstehen und zu interpretieren. Nicht immer sind Absicht und Systematik so durchschaubar wie beim „You should respect our culture“! Oft gibt es auch mehr als eine Wahrheit, was man aber aufgrund seiner eigenen Meinung, gerne vergisst.

Dennoch ein Wort zu meinen Nachrichten, die ich unter http://www.philippinen.cc anbiete: falls ich Manipulationen erkenne, werde ich die Geschichte vergessen und nicht mich selbst instumentalisieren lassen. Erkenne ich sie nicht und widme einem Thema mehr Aufmerksamkeit als ihm eigentlich zustünde, „so what!“ – so ist das Leben.

Als Leser soll man ja auch seine Nackenmuskulatur in Bewegung halten und sei es durchs Kopfschütteln. Es muss jeder wissen, Nachrichten zu philippinischer Politik kann man nicht mit den selben Augen lesen, wie die Nachrichten zu europäischer Politik. Hier wie da muss man selektieren und bewerten, nur etwas anders …