Gewaltspirale 3

Mord an Freunden

Unser jüngster Sohn hatte fast zeitgleich zum Maguindanao Massaker seinen Geburtstag gefeiert, wo er seine Freunde einlud. Einer dieser Freunde hatte etwa einen Monat zuvor selbst Geburtstag, wo unser Sohn auch zur Feier eingeladen war. Die Feier fand in einem öffentlichen Lokal statt. Als wir ihn dann dort abholen wollten, bat er noch darum zu seinem Freund nach Hause gehen zu dürfen. Es sprach unsererseits nichts dagegen und auch die Eltern seines Freundes waren einverstanden, wenn gleich diese nicht als „wohlhabend“ bezeichnet werden können, sondern selbst für deutsche Verhältnisse „extrem reich“ waren und in einer Art „Luxusschloß“ wohnten, welches derart vor der Öffentlichkeit abgeschottet wird, dass es kaum oder gar nicht wahrgenommen wird. Eigentlich nicht erwähnenswert, wenn nicht folgendes geschehen wäre.Anfang Dezember kam unser Sohn dann sehr verstört aus der Schule nach Hause, wo wir zunächst den Grund dafür nicht erkennen konnten. Er wirkte sehr mitgenommen und war irgendwie abwesend. Erst nach einer Weile fanden wir die Ursache dafür. So erzählte er uns schließlich, von seinem obigen Freund, der heute in der Schule während des Unterrichts abgeholt wurde. Offensichtlich hatte das Kind immer wieder geweint mit den Worten, dass sein „Vater wieder kommen“ solle. Und dann meinte er noch, dass man den am Tag zuvor erschossen hatte! Da sitzt man wenige Tage zuvor zusammen und dann – … ein Schuss und Du sitzt in einer unendliche Leere! Wie kann das passieren? Warum nur er? Wem hat er denn etwas getan? Es folgten Fragen, wo Du beim besten Willen einem Kind keine Antwort geben kannst. Das ist ein Schock – Sprachlosigkeit macht sich breit!

Wir erinnerten uns sofort an die Schulklasse unserer beiden anderen Kinder, die ja in die gleiche Schule gehen. Denn beide älteren Kinder hatten in diesen doch relativ kleinen Klassen von etwa 20-25 Schülern auch jeweils einen Klassenkameraden, welcher innerhalb der letzten beiden Jahren einen Elternteil durch Mord verlor. Ein Fall geschah in der Firma der koreanischen Eltern, wo man die Mutter ermordete. Die Geschäftsfrau wurde wohl von Mitbewerben als zu große Konkurrenz gesehen und so versuchte man das Problem mit einem gezielten Mord zu erledigen. Der koreanischer Mitschüler meiner Tochter kam danach nie mehr zur Schule, absoluter Filmriss …

Unser ältester Junge hatte eine Klassenkameradin, deren Vater Richter war. Nun ist „Richter“ in Europa sicher ein angesehener Beruf und nichts Anrüchiges. Denn wenn er einen Mörder ins Gefängnis bringt, dann hat der es ja auch verdient! Jedoch in den Philippinen gibt es durchaus andere Gesetzmäßigkeiten, die hier einfließen: wer ins Gefängnis muss, erleidet einen massiven Gesichtsverlust. Ob und wie er den verarbeitet, kann niemand vorher absehen. So musste auch obiger Richter einen Mörder verurteilen, der aber weder Reue noch Einsehen zeigte. Er schwor bereits im Gerichtssaal Rache. Der Richter will ein paar Tage später, morgens zur Arbeit gehen und verlässt dazu das gut bewachte Condominium. Doch er rechnete wohl nicht mehr mit dem Verurteilten, denn dessen Brüder lauern dem Richter auf und erschießen ihn vom Motorrad aus.

Diese Tragik haben wir somit zum dritten Mal erlebt und noch immer fehlen uns echte Antworten darauf.

 

Mord in der Nachbarschaft

Kurz danach passiert der nächste Hammer: Wir wohnen eigentlich in einer sehr friedlichen Wohngegend. In der Parallelstraße zu unserem Haus, geht abends in der Dämmerung ein Mann nach Hause. Er hat in einer Laptoptasche seinen Laptop dabei. Nun ist der Laptop im Vergleich zu Europa ein wesentlich höherwertigeres Gut. Dies liegt nicht nur am Preis (denn der ist hier meist einiges höher), sondern an dem wesentlich niedrigeren Gehaltsniveau! Zwei junge Männer, die sich auf das schnelle „Verflüssigen“ von hochwertigem Diebesgut spezialisiert haben, indem sie Hehlerware sofort beim Pfandleiher in Geld umwandeln, lauern ihm auf und wollen ihm die Laptoptasche entreißen. Er wehrt sich und es gibt ein Gerangel, da er den Laptop nicht freiwillig heraus rückt. Ein tödlicher Fehler: einer der Diebe schießt, das Opfer stirbt dabei … wegen eines Laptops im Wert von etwa 500 Euro.

Geht es noch sinnloser? Leider ja! Wir besuchen ein paar Tage danach Bekannte in einem anderen Stadtteil, dessen Wallfahrtskirche sehr bekannt ist und als Touristenattraktion gilt. Während wir dort sind, erzählen plötzlich Nachbarn von einem 15-jährigen Messdiener der Kirche, der am selben Vormittag ganz in der Nähe von zwei Motorradfahrern beraubt und getötet worden sei. Am Folgetag erfahren wir die ganze Geschichte: die beiden auf dem Motorrad sahen den Jungen auf einer Mauer sitzen und eine SMS schreiben. Ohne Warnung erschießen sie das Kind, nehmen das Handy für das sie danach 500 Pesos beim Pfandleiher bekommen und kaufen sich dafür Alkohol … Das Leben ist keinen Pfifferling wert, wenn man sieht, dass ein Kind wegen gerade mal 8 Euro (in Worten: ACHT!) sterben muss!

Wer kann diese Morde in so kurzer Zeit verarbeiten? Wir nicht! Was folgt ist ein TRAUMA !!

Dennoch stellen wir uns die Frage nach der eigenen Sicherheit. Denn wenn die Einschläge so nahe rücken, dann muss man zumindest Fragen stellen, wie:

  • Sind wir selbst noch sicher?
  • Können wir uns ausreichend schützen?
  • Was sind die Ursachen für diese Morde?
  • Gibt es besondere Plätze oder Anlässe dafür?
  • Können wir all dieses irgendwie umgehen?

Vorab, der Ratschlag „Abreisen oder Akzeptieren“ ist so ziemlich das Dümmste, was ich dazu gehört habe und zeugt von einem Intelligenzquotienten der unterirdischen Kategorie! Auch „Ball flach halten“ fällt in den Bereich der Klugscheißerantworten. Denn wo in aller Welt, sollte denn der 15-jährige Messdiener den Ball flachhalten? Wenn er auf einer Mauer sitzt und mit einem alten und herkömmlichen Handy eine SMS schickt, dann kann kein normales menschliches Wesen auf solche Gedanken kommen. Ebenso nerven Antworten wie „zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort“! Selten so viel Blödsinn gehört.

Die Pinoys, schützen sich mit hohen Mauern, die oben Glassplitter einbetoniert bekommen und Stacheldraht haben, mit Gittern vor Fenstern, Wachhunden und Waffen. Aber dazu gilt es zu bedenken: Wer in einer Burg aufwuchs wird dabei keine Freiheit vermissen. Wer aus der Freiheit stammt und diese gewohnt ist und schätzt, empfindet dann das Leben mit diesen Sicherheitsmaßnahmen als Gefängnis. Aber selbst dem Richter, welcher im Condo wie in einem „Hochsicherheitstrakt“ wohnte, nutzte das wenig. Und vielen anderen haben alle Vorsichtsmaßnahmen nur scheinbar geholfen … denn die Mordrate ist extrem hoch (vgl. nächstes Kapitel).

Wer Kinder hat, der sollte auch noch eine andere Überlegung anstellen: Mal davon ausgehend, dass diese später nachdem sie mit dem Lebensstandard eines europäischen Verdienstes oder der Rente des Papas aufwuchsen, nicht mit dem Gehalt eines Guards, einer Maid oder eines Taxifahrers klar kommen. Aber vielleicht bin ich jedoch auch nur einer derjenigen, die einfach zu dämlich sind, ihren Kindern soviel „Mindestmaß“ an Bescheidenheit beizubringen! Spätestens dann müssen nämlich die Kinder ein Gewerbe betreiben oder sich politisch engagieren. Oder noch besser gleich beides … Denn selbst „Traumjobs“ als OFW (Übersee-Gastarbeiter), werden kaum mit mehr als 500 US$ pro Monat bezahlt. Und spätestens hier ist es dann aus mit „low profile“! Dann sind sie unweigerlich Zielscheibe der Kriminalität.

(Fortsetzung folgt)