Ultradünn 2

Wieder gedanklich gesammelt, kann ich mein Anliegen dann doch noch vortragen. Da aber der Batteriewechsel bei dieser dünnen Uhr, wie oben erwähnt auch „etwas“ Geld kostete, das einem schnellen Batteriewechsel zwischen Tür und Angel nicht gerecht werden würde, war ich es gewohnt auf die Abholung am nächsten Tag zu warten. Doch am anderen Morgen rief mich stattdessen eine Dame aus dem Juweliergeschäft unterwegs im Auto an und versuchte mir schonend beizubringen, dass die Batterie nicht mehr gebaut würde und deshalb kein üblicher Batteriewechsel stattfinden könne. Denn bereits im Vorjahr kostete der Batteriewechsel um die 100 Euro und war lediglich deshalb überhaupt noch durchführbar, weil man sich Restbestände aus dubiosen grauen Quellen beschaffte, wie sie mir glaubhaft versicherte.

Ja Donnerwetter noch Eins! Soviel Offenheit am frühen Morgen war zu viel für mich und machte mich doch glatt sprachlos. Wahrscheinlich hat die Dame am anderen Ende der Leitung das Ausrasten meines Unterkiefers gehört, denn bevor ich etwas auf diesen Schock hin antworten konnte, ergänzte Sie schnell: „Aber sie müssen die Uhr deshalb nicht wegwerfen! Wir bieten Ihnen einen Wechsel des Uhrwerkes zu einem Sonderpreis an, der Sie nur 200 Euro kostet!“

Meine Gedanken laufen beinahe Amok: ‚Welch gütige Großzügigkeit! Soll ich mich dafür bedanken?‘

Ich versuche ihr eine Antwort zu geben „Gnmpfgrk … ähm … Moment! Eigentlich will ich nur eine schlichte Batterie! Ich will keine andere Uhr und auch kein anderes Uhrwerk! Nur eine kleine Batterie …“

„Ja aber das ist eine ultradünne Batterie, die eben nicht mehr produziert wird.“ meinte sie. „Die enthielt eine bestimmte Substanz und darf deshalb nicht mehr produziert und in Europa verkauft werden.“ Sie nannte die Substanz auch konkret, ich habe sie aber vergessen und finde auch den Zusammenhang nicht mehr. Aber Fakt schien zu sein, dass es diese Batterie eben nicht mehr gibt!

„Ah so! Aber das Problem müssen dann doch weltweit jede Menge Kunden gleichzeitig haben!“ gebe ich ihr zu bedenken.

„Richtig, deshalb hat der schweizer Hersteller dieses neue Uhrwerk zum Austausch entwickelt …“

Sie klang so überzeugend und gelassen, wie eine Marktverkäuferin: „Die grünen Äpfel sind leider schon ausverkauft. Probieren sie doch mal die roten!“ Heute mag ich aber keine roten Äpfel und auch keine neue Uhr! Ich fühlte mich irgendwie leicht „überfahren“ und wollte mich nicht spontan entscheiden, dass ich ihr sagte: „Ich bin demnächst wieder in Asien. Da wird an jeder Ecke Technik, auch Elektronik kopiert und verarbeitet. Und glauben Sie mir bitte eines: die ’scheißen‘ sich eins auf irgendein Materialverbot aus Europa. Da gelten ganz andere Gesetze! Bitte lassen Sie mich das mal recherchieren. Vielleicht gibt es dazu eine andere Lösung. Ich melde mich in den nächsten zwei Tagen bei Ihnen.“

Sie wies mich noch auf die Gefahr eines fremden Batteriewechsels hin, war aber immerhin so fair, dass sie mir die exakten Batterieangaben mitteilte: also eine „Renata 44, 2V, 1mm dick“ sei das.

Als ich wieder zu Hause ankam, suchte ich dann auch gleich im Internet nach einer Alternative. Es dauerte nur wenige Minuten und ich fand einen Bericht, wo jemand die selbe Uhr mit einem anderen Batterietyp sogar mehr als ein Jahr lang betrieb! Der Hammer dabei war, die andere Batterie war 1,3 mm dick, sollte also rein von den äußeren Massen her, erst gar nicht da rein passen! Und dann die „inneren Werte“: denn die hatte nur 1,55V statt der geforderten 2V. Spätestens jetzt klang das aber dann schon recht abenteuerlich!

Also rief ich die Dame vom Juweliergeschäft an und erzählte ihr davon. Sie war zwar „überrascht“ und meinte, dass die Batterie gar nicht in die Uhr rein passe. Immerhin zeigte sie sich dann doch kooperativ und willens die Batterie zu tauschen, soweit als möglich. Sie wollte sich dann anschließend wieder melden. Zwei Stunden später klingelt mein Telefon wieder und sie sagte mir, dass die Uhr seit über einer Stunde problemlos lief, trotz der geringeren Spannung. Und auch der Gehäusedeckel ging ohne Probleme wieder drauf. Dennoch würde sie keine Gewährleistung auf den Batteriewechsel geben. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal, dass ich eine Garantie überhaupt darauf hatte! Also hatte ich 20 Jahre lang eine Garantie bekommen und wusste nichts davon? Mit welchem Nutzen? Einem sicher entbehrlichen … So holte ich am anderen Morgen die Uhr wieder ab und zahlte dann gerade mal 15 Euro.

Da die Handlung eher einen anderen Schauplatz auf der Welt suggeriert, wiederhole ich deshalb das gerne nochmals: Dies war mitten in Deutschland! „Welcome to good old Germany“ … und der schweizer Präzision … natürlich bezogen auf die Uhrenpräzision und nicht auf präzises Geldschneiden!