Weihnachts-Traum(a) 4

Es klopft an der Tür! Hurra, jetzt kommt Abwechslung. Doch zu früh gefreut – es war nur mein Essen, was man zwar als eine Abwechslung ansehen könnte, aber ich nicht als solche empfand. Denn es war eher eine „Henkersmahlzeit“, was man mir zuvor schon so angedroht hatte mit „mehr gibts nicht“, wegen der OP. Ich schaue mir das Essen mit viel Geduld an, lasse die Augen von links nach rechts wandern, wieder zurück und frage mich: „Was mache ich nur damit? Essen oder Abkürzung und gleich ins Klo damit?“ Wie soll ein Mensch, der mit Kartoffeln, Brot und Nudeln von der Mutterbrust entwöhnt wurde, solch eine kalte und verklebte Reispampe denn runterkriegen? Den kalten Reis würde ich nicht mal essen wenn er noch warm wäre, was der aber seit Stunden nicht mehr ist! Immerhin das Gemüse sieht zumindest essbar aus. Ich probiere das undefinierbare Etwas – mhm ja schmeckt ordentlich. Da jedoch gerade noch eine zweite Gabel voll von der Tellerdekoration übrig ist … womit kann ich weitermachen? Der Rest sieht irgendwie nach einem toten Huhn aus. Ich probiere, ja könnte rein geschmacklich gesehen sowas sein. Aber warum müssen die immer diese Hühner mit einer Handgrante einfangen, so viel schneller können diese philippinischen Geier doch gar nicht sein, als in Europa! Denn nur so lässt sich erklären, warum Du in diesem Vogelgericht nicht eine einzige Gabel mit Fleisch findest, wo man nicht die ganzen Knochensplitter aus dem Mund puhlen muss? Sowas ist doch zum …! Langsam fährt die Stimmung in den Keller, ich denke „Ihr könnt mich mal … dann esse ich eben gar nichts!“

Gerade will ich mich wieder mit dem tollen Fernsehprogramm auseinander setzen, da kommt der Chirurg aufs Zimmer, der die OP am anderen Morgen, also an Heiligabend durchführen sollte. Er meinte es sei alles „gecheckt“ und in Ordnung, lediglich wegen meines Schrittmachers, dauere die OP etwa doppelt so lang, da er zur Blutstillung keinen Strom verwenden könne, so hätte es der Neurologe ihm empfohlen. Ich merke, dass hier einige dieser „Weißkittel“ aber gnadenlos überfordert sind und bin heilfroh darüber, noch bei vollem Bewusstsein zu sein.

Also erkläre ich dem Chirurgen nochmals ganz langsam das Prozedere wie das beim EKG vonstatten ging. Er staunt ungläubig „Geht das denn wirklich?“ Ich hole die Fernbedienung für das Gerät aus meiner Tasche und demonstriere ihm den Effekt. Er ist erleichtert, ich allerdings eher weniger! Denn ich frage ihn nochmals wegen des Narkosemittels, wo er aber gleich auf den Anästhesisten verwies. Nur warum untersucht mich zuvor die Pfeiffe wegen Parkinson? Und warum gibt der Volltrottel Empfehlungen ab, ohne mit dem Spezialisten in Manila zu telefonieren? Ich fühle mich wie ein Gefangener, der gefesselt und ohne Einflussmöglichkeit auf die Klippe eines Wasserfalls zusteuert. Da könntest Du ausrasten!

Als der Anästhesist später kommt, erkläre ich meine besondere Problematik wegen der Narkose zum x-ten Mal bereits. Denn davon hängt nun mal mein ganz persönliches weiteres Leben ab! Also: KEINE Vollnarkose, da diese eine erhebliche Symptomverschlechterung zur Folge haben kann! Ich merke der Anästhesist versteht meine Worte, aber das Problem kennt er noch nicht! Aber ich bin Patient, ich bezahle und will das eben nicht – fertig! Abkürzung – Ende! Wenn ich ein Schnitzel bestelle, will ich nun mal keine Hühnerkeule! Nächster Punkt: mein einziges Medikament, welches ich wegen Parkinson vertrage und einnehme, enthält einen sehr speziellen Wirkstoff. Bei diesem ist sogar auf dem Beipackzettel (das ist der Zettel, welcher philippinischen Patienten nie ausgehändigt wird – wozu auch? Resultieren eh nur dumme Fragen daraus!) dokumentiert, dass individuelle und unkontrollierbare Wechselwirkungen mit Adrenalin haltigen Stoffen, wie z.B. den meisten Narkosemitteln, entstehen können. Was dann auch immer passieren kann: Koma, ewiger Schlaf oder Tod! Also KEIN Adrenalin! Der Anästhesist kommt sich wohl vor, als hätte er entweder einen aufmüpfigen Patienten, irgendeinen Klugscheißer oder Hypochonder vor sich! Oder gleich alle drei zusammen in Personalunion! Trotzdem bewahrt er sich den letzten Rest seiner philippinischen Fassung und schlägt folgendes vor „Wir machen eine Lokalanästhesie ohne Adrenalin“. Genauso habe ich mir das auch vorgestellt, wenn dies bereits das Ende gewesen wäre. Wars aber nicht! …

Weihnachts-Traum(a) Teil 1
Weihnachts-Traum(a) Teil 2
Weihnachts-Traum(a) Teil 3
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Weihnachts-Traum(a) Teil 5
Weihnachts-Traum(a) Teil 6
Weihnachts-Traum(a) Teil 7

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Auswandern - Den Kulturschock überwinden