Reality-TV 15

Als hätte sich das damit alles erledigt, wir atmen durch und wollen nach hause. Doch unser Ersatzanwalt fängt uns noch ab. Damit ich nicht verstehen soll was er schon wieder will, spricht er meine Frau auf Cebuano an. Doch selbst wenn der jetzt drei Rosenkränze runtergebetet hätte und zwei „Ave Maria“ und das große Hallelujah 3-stimmig in deutsch gesungen hätte – NEIN, der Vogel macht mir nichts mehr vor!

So bekomme ich schnell mit, dass er persönlich weitere 4.000 Pesos möchte, die er auch nicht mit der Gesamtrechnung verrechnen möchte und das Geld ohnehin sofort benötigt! Wir bleiben cool, aber sowas von cool, die Arktis wäre neidisch auf uns geworden. In ruhigen und abgeklärten Worten, weisen wir ihn darauf hin, erstens gar kein Geld dabei zu haben und zweitens mit seinem Chef, welcher nur 6 Tage später aus Amerika zurück kommen wird, alles weitere besprechen und abrechnen zu wollen.

Was war das? Ein Volltreffer? Ich würde sagen, noch viel mehr: Schiff komplett versenkt! Denn unser Ersatz-Atty, begann zu stottern und meinte es sei ja noch gar nicht bekannt, wann der andere (immerhin sein Chef) zurück käme! Meine Frau sagte ihm „Doch warte es ab! Am nächsten Montag ist der wieder im Büro und wir besprechen dann alles was Geld und Rechnung betrifft, mit ihm.“ Das saß – aber gleich so tief bei ihm, dass er sich kurz verabschiedete und verschwand! Es blieb ein leichtes Kribbeln im Bauch zurück, denn klar verlor der an dieser Stelle sein Gesicht. Doch wie wird er das verarbeiten? Dem Zufall sollte man das nicht überlassen, aber klar war auch, ohne seinen Chef können wir jetzt nichts mehr machen. Wir hofften dass er sich nicht ganz entblößt und am Gericht unseren Fall ohne unser Wissen und hinter unserem Rücken kaputt macht! Doch glücklicherweise ging unsere Rechnung auf und es passierte nichts.

Die Woche darauf war der „amerikanische Anwalt“ wieder da und wir vereinbarten einen Termin mit ihm über seine Empfangsdame. Diese meinte, das trifft sich gut, denn wir könnten dann gleich eine Anforderung der Dokumente unterschreiben, wenn wir kämen. So gingen wir in der nächsten Woche zu unserem Anwalt. Wir warteten kurz am Empfang, dann kam er auf uns zu! Wir waren sehr gespannt auf diesen Moment der Wahrheit: wird er sich seiner Zusagen an uns erinnern oder sich zugunsten seines Mitarbeiters und dessen Geldforderung stellen? Je näher er auf uns zukam, desto mehr Herzlichkeit strahlte er aus! Wir wussten bevor er nur einen Ton sagen konnte: das ist unser Mann und bleibt es! Er nahm uns in den Arm und machte Witze. Wir fragten ihn wegen seines langen Aufenthaltes in den USA. Er erzählte uns von seinen Erlebnissen und fragte uns wie es uns ergangen sei, da er einige unserer privaten Belange kannte.

Irgendwann fragte ich ihn „Dave, about the payment …“

„No, no!“ unterbrach er mich schroff! Ich fürchtete das Schlimmste, doch was habe ich denn jetzt wieder falsch gemacht?

Er fuhr fort „Nein, wir haben eine Vereinbarung! Die zählt und sonst nichts!“

Wir hatten alle Dokumente dabei, auch die Vereinbarung, die er ansprach! Er nahm mir die aus der Hand und fuhr fort: „Da steht es doch! Hier ist der Betrag, zahlbar in zwei Hälften: eine bei Einreichung des Verfahrens bei Gericht, die zweite bei Abschluß.“

„Danke, ein Mann – ein Wort!“ ergänzte ich. „Wir haben aber Deinem Angestellten schon einen Teil vorab bezahlt, um keine Probleme zu bekommen.“

„Kein Problem, das verrechnen wir! Es tut mir sehr leid, dass dies passiert ist und dann noch wo ich weg war. Wir haben uns noch nicht richtig abgestimmt, weißt Du? Wenn Du einen Partner in der Kanzlei aufnimmst, aber Dich zuvor nicht richtig mit ihm einarbeiten konntest, dann können solche Missverständnisse entstehen. Das ist aber unser Fehler, für den Ihr nichts könnt! Nochmals: das tut mir sehr leid, ich entschuldige mich dafür!“

„Dave wir danken Dir. Das ist sehr fair und wir sind froh, Dich zu kennen.“ gaben wir ihm zu verstehen.

Wir sind es wirklich! Ich habe noch nie etwas vergleichbares in den Philippinen erlebt! Loyalität und Vertragstreue in der Form – für mich ein absolutes Novum! Klar wird er uns gegenüber seinen Mitarbeiter nicht in die Pfanne hauen. Sowas macht man in Asien generell nicht und in Deutschland würden viele Unternehmen gut daran tun, zumindest ähnlich zu agieren. Sowas läuft auch unter Firmenkultur! Denn wir verstanden seine Aussage schon richtig, aber wir wissen auch er kann nicht mehr sagen als er gesagt hat. Mehr braucht es aber gar nicht!

Wir unterschrieben die Anforderung der Dokumente für das Gericht und verabschiedeten uns. Kurz darauf bekamen wir die Anerkennung der Adoption ausgehändigt. Die Adoption hat uns hier in den Philippinen etwa 60.000 Pesos = 1.000 Euro (30.000 Rechtsanwalt, 10.000 Gerichtsgebühr, 7.000 für 3 Zeitungsanzeigen. Weitere Kosten verteilen sich auf Gutachten, Dokumentenbeschaffung und anderen Kosten) und ca. 10 Monate Nerven gekostet. Die zehn Monate haben wir begonnen zu zählen ab der Beauftragung des Anwaltes, bis zur Aushändigung der Dokumente. Auch wenn die ganze Geschichte sich länger anhört, so war das doch alles in allem eine für die hiesigen Verhältnisse sehr zügige Bearbeitung.

Was diese aber wirklich wert ist, das werden wir erst in ein paar weiteren Monaten wissen. Denn jetzt müssen wir die Dokumente übersetzten und beglaubigen und dann bei einem deutschen Familiengericht anerkennen lassen. Leider ist dieses zusätzliche deutsche Gerichtsverfahren erforderlich, da wir als Adoptiveltern im Ausland dies durchführten und nun die Dinge durch ein deutsches Gericht geprüft werden müssen. Danach gibt es erst den deutschen Pass.

(Ende)