Reality-TV 8

Der Richter ruft zur Verhandlung des ersten Falles auf. Plötzlich wieder richtige Action im Saal. Mehrere Gerichtsdiener kommen aus dem Nichts, drehen die beiden im Saal stehenden Fernseher des Baujahrs 1980 (zumindest machen sie einen so alten Eindruck auf mich) und bauen Mikrofone auf. Wow, heute bekommen wir aber echte Unterhaltung! Ein Anwalt mit westlichem Anzug, dem Aussehen eines Indianers und dem Haarzopf eines Pferdes, beginnt seinen Vortrag. Da wird dann schnell klar, was hier gespielt wird: es geht um die Vergewaltigung eines 6-jährigen Mädchens, durch seinen Onkel! Längst stelle ich mir keine Fragen mehr, warum im selben Atemzug mit unserem Adoptionsverfahren, auch solche Strafverhandlungen durchgespielt werden. Ändert doch ohnehin nichts!

Der Onkel bleibt im Hintergrund, lediglich dessen Attorny und der Attorny des Kindes bzw. seiner Mutter, zoffen sich heftigst untereinander und mit der Staatsanwältin. Ja, da kochen in mir auch Emotionen hoch, aber ich kann sie noch kontrollieren. Die Fernseher werden eingeschaltet, das Mädchen wird vom Rücken her gezeigt, zusammen mit seiner Mutter und einer Psychologin. Der Richter erkundigt sich nach dem Befinden des Mädchens und fragt, ob man beginnen könne. Denn wie sich gleich herausstellen wird, ist das nicht ihr erster Auftritt in diesem Gerichtsverfahren! Beim letzten mal haben nämlich diese „Gehirnlosen“ das Kind vor der versammelten Volksmasse befragt und dabei ist es wohl in Weinkrämpfe ausgebrochen.

Man zeigt dem Kind ein Bild mit mehreren Menschen darauf und es soll den Täter identifizieren. Nachdem dies auf Anhieb geklappt hat, befragt man das Kind dazu was passiert sei. Während ich noch Bedenken bekomme, mir aber auch klar ist, dass diese Fälle immer schwierig bei „Justitia“ sind (besonders in einem Land, wo Vergewaltigungsvorwürfe gerne „nur“ dazu verwendet werden, andere Menschen in Misskredit zu bringen oder sonst wie zu schaden!), beginnt das Mädchen wieder zu weinen. Der Staatsanwältin wird es zu bunt und sie fragt, ob es denn nicht ausreichend sei, da Täter und Tat klar seien! Aber der Anwalt des Onkels besteht auf sein Recht des Kreuzverhörs und der Richter bestätigt ihn. Doch inzwischen ist das Mädchen derart durch den Wind, dass man das Hearing abbrechen muss. Die Beteiligten müssen alle unterschreiben, auch der Onkel. Als ich sein Gesicht sehe, denke ich bei mir „welch Ungerechtigkeit: das Kind wird weiter gequält, statt dass man diesem alten Bock die Eier abschneidet und diese an die Strassenköter füttert …“

Der Blick auf die Uhr verrät, dass die Zeit bereits weit fortgeschritten ist. Aber noch nicht zuweit! Denn ich werde aufgerufen und gehe zum Zeugenstand: Pfötchen hoch halten und nachsprechen „Ja, ich will! …“ Nein das war doch die andere Veranstaltung, hier wollen die ja nur ein „Ja“ (dass ich nicht lüge oder so – sehr sinnvoll im Land der „White Lies“!). Nun fragt mich der Anwalt nach Einkommen, medizinischem Gutachten und sonstiges Blabla. Der Richter, der inzwischen von seiner zweiten kommentarlosen Pinkelpause zurück kommt, fragt die Staatsanwältin, ob sie mich ins Kreuzverhör nehmen will. Doch die winkt ab, wahrscheinlich liegt ihr noch der vorherige Fall schwer im Magen, wie mir übrigens auch.

Der Richter will gerade meine Frau aufrufen, doch was ist das? Unser Anwalt meint „erst beim nächsten Mal!“ Mir fällt es schwer die Beherrschung nicht zu verlieren. Unsere Gutachterin, die Sozialtante (die mit der offenen Hand unterm Tisch), kann ihren Unmut auch nicht mehr verbergen und murmelt was von „buang na!“ Verständlich, wenn man den ganzen Morgen für die Spiele und Possen dieser Attornys zubringt – naja, streng genommen müsste ihr das aber ja bekannt sein!

Wir gehen aus dem Gerichtssaal, wo unser Attorny uns erklärt, dass ich jetzt seelenruhig nach Deutschland in Urlaub fliegen könne und er vorher, nämlich konkret gesagt heute, gerne Geld sehen würde und das am Besten gleich jetzt, also sofort! „Hat der noch alle?“ denke ich bei mir. Und schon nennt er auch exakte Zahlen: für 4 abgelaufene Hearings, jeweils 2.000 Pesos – also 8.000 Pesos. Da ich zuhause meine Tabletten vergessen habe und schon längst keine Wirkung mehr verspüre, halte ich mich raus und registriere nur noch wie meine Frau für den Nachmittag mit dem Ersatza… was ausmacht!

(Fortsetzung folgt)