Reality-TV 6

Nun gegen 10:00 Uhr hat seine Majestät, der hohe Richter, denn ein Einsehen mit uns und kommt dann auch noch. Während seines Einmarschs murmeln wieder die zwei Gerichtsmitarbeiterinnen ein „Ave Maria“ oder irgendeinen anderen katholischen Code, der mit einem gemeinschaftlichen „Amen“ und einem Kollektivbekreuzigen endet.

Mein Sohn meinte „Und wieso bekreuzigt sich der Richter nicht?“

„Stimmt! Aber als derjenige, der hier angebetet wird, braucht er das aber nicht.“

„Aha!“

Nun liest eine Dame die Fälle runter: Case 1 geht gleich in die Hose, nein genau genommen nach Japan. Der Richter ist sauer, was sich solche „foreigner“ einbilden, seine Fälle nach Japan abzuziehen! Es entlockt ihm doch gleich ein paar billige Bemerkungen über Japan. Es geht weiter, wir wären erst case 5, aber unser Ersatzanwalt steht auf und erzählt dem Richter was von „to present the whitnesses“ … na wenn es sein muss. Aber er setzt sich wieder hin und die gehen weiter auf ihrer Liste. Noch ein paar andere Anwälte erzählen etwas ähnliches, wobei die Hälfte der Attornys und der Leute im Gerichtssaal mit neuen Terminen verschwunden sind. Dann ruft er den letzten case ‚Nummer 17‘ auf: „criminalcase …. murder ….. “ Irgendwie packt mich der Schock: da sitzt ein milchgesichtiger Junge, der als Mörder angeklagt wird? Und das im Sozialgericht?

Egal, wir werden aufgerufen. Unser Attorny ruft die „Biomama“ in den Zeugenstand, sie wird gleich vereidigt! Nun befragt sie der Ersatzanwalt wie in der „Generalprobe“ am Vortag geübt. Der Richter hat sich inzwischen von seinem Japan-Schock erholt und witzelt über die Mutter im Zeugenstand, ob sie denn mit der Adoption gewartet habe, bis jemand einen Deutschen heiratet? „Ach sind wir aber heute wieder lustig!“ denke ich bei mir „Wir sind seit 15 Jahren verheiratet!“, aber Schwamm drüber … (you know: bahala na!) Auch die Staatsanwältin nimmt sie ins Kreuzverhör. Wozu? Als Biomutter hätte sie zwar nicht unbedingt soviele Kinder produzieren müssen, aber das Kreuzverhör könnten die sich doch für das „Milchgesicht“ aufheben. Doch dann fällt es mir wieder wie Schuppen von den Augen: „protect our children from …“, jaja – alles wird gut!

Dann ruft unser Ersatzanwalt unseren Ältesten in den Zeugenstand. Er wird vereidigt – Donnerwetter, die scheuen aber vor gar nichts zurück: einen 15-jährigen Jungen vereidigen, Respekt! – oder auch nicht! Immerhin hat die Staatsanwältin ein Einsehen und hält die Klappe. Meine Tochter wollen sie dann auch noch befragen – gleiches Schema, gleiche Fragen. Nach 10 Minuten ist der Spuk vorbei und wir fahren nach Hause.

Der Ersatzanwalt sagte bereits beim letzten Mal, dass jetzt nur noch wir (meine Frau und ich) erforderlich seien sowie die Sozialarbeiterin, die ja ein Gutachten zu der ganzen „Veranstaltung“ erstellte. Abends vor dem nächsten Termin rief unser Ersatzanwalt bei uns an, obwohl ein Feiertag war. Er sagte was von medizinischen Gutachten und psychologischen Gutachten, sowie Einkommensnachweis … Moment! Das hat der Kasper doch schon alles, zumindest sollte er es haben! Jedoch ein psychologisches Gutachten, hat bislang noch keiner in diesem Bürokratenstaat über mich erstellt. Und ich werde einen Teufel tun, mich von einem philippinischen Psychologen mit vielleicht angeborener Schizophrenie und Glaube an „Zwerge, Kapre und White Ladys“ in eine Zwangsjacke oder gar Gummizelle quetschen lassen. Aber wir vermuteten, dass unser Ersatzanwalt mal wieder eine Idee entwickelte, das Ganze zu verkomplizieren, um es in die Länge zu ziehen und was das wohl heisst? Richtig: der größte gemeinsame Nenner heisst hier im Zweifelsfall wohl immer „Pesos“!

Nun am Morgen frühstückten wir ganz entspannt, da ich die Besenkammer – äh sorry, den Gerichtssaal natürlich – bereits in- und auswendig kenne! Also Gemütlichkeit ist angesagt und wir gehen kurz vor 9 Uhr in der Frühe die heiligen Stiegen zur „höheren Gewalt“ hoch. Ich öffne die Tür, doch was ist denn hier los! Massenauflauf oder was? Der Gerichtssaal ist voll, kaum freie Plätze. Auch auf der Attorny-Bank drängeln sich die Anwälte. Wäre es nicht 9 Uhr morgens, würde ich vermuten die Pinoys hätten das „Freibier“ für sich entdeckt. Doch da erhebt sich unser Anwalt und kommt ganz nervös auf uns zu, um sich mit uns in eine Ecke des Saales zurück zu ziehen. Die Plätze reichen gerade noch für uns aus. Er fragt wegen seinen „Eingebungen“ vom Vortag – ja die Gutachten! Alles kein Problem – hier nimm und nach mir … „bahala na!“ Alles ziemlich unaufgeregt für mich, fällt mir auf. Hab ich denn die Pinoys schon in ihrer eigenen Spezialdisziplin geschlagen?

(Fortsetzung folgt)