Reality-TV 11

Am anderen Morgen findet um 8:30 beim Court unsere Verhandlung statt. Wäre ja das erste mal, wenn es pünktlich startet, also 9 Uhr reicht aus. Wir gehen in den Gerichtssaal … irgendwie ist der anders als sonst, der Geruch frischer, der Raum heller, irgendwie neuer, ja … NEU! … oder? Nee, nur Farbe haben die neu drüber gepinselt und das nicht sonderlich gut! Aber die sollen ja keine Preise für den schönsten Gerichtssaal erzielen, sondern unsere Adoption zu Ende bringen …! Viel ist heute morgen noch nicht los und so erfreuen sich meine Augen an den Details der „Verschönerung“. Auch der beim vorletzten Termin benutzte Fernseher sieht anders aus, doch der wurde nur geputzt und stammt immer noch aus einem Baujahr von vor rund 30 Jahren … immerhin stechen die Sponsorenaufkleber hervor: UNICEF! Sofort schießt mir durch den Kopf, hoffentlich hat das Kind damals Unterstützung und Schutz erhalten. Aber vieles wird hier zum Alltag, nicht nur die Sonne, der Strand und die Wärme …

Meine Blicke schweifen weiter im Saal, das Richterpult macht heute irgendwie auch einen ordentlicher sortierten Eindruck. Nur das Plastikschild darauf wirkt wie ein Fremdkörper: „Be honest! Even if others are not. Even if others will not. Even if others cannot.“ Aber Fremdkörper oder nicht ist ja nicht deren Problem, höchstens meines – nein, eigentlich noch nicht mal das. Ich verspüre, dass ich etwas abgeschliffen von der ganzen Juristerei und der ganzen Angelgenheit bin. Nicht auszumalen wenn es sich um eine ernste Auseinandersetzung vor Gericht drehen würde oder ich gar in ein Strafverfahren verwickelt wäre!

Cebus ältester Stadtteil „Colon“, direkt am Meer

Unterhalb des Pultes steht der Tisch des Gerichtsschreibers. Daran befindet sich ein vergilbtes Bild mit dem Hinweis „Please wear proper attire.“ Merkwürdiger Spruch, alle Besucher kommen mit nackten Füßen in Flipflops gepackt und tragen lediglich Jeans darüber, ich sogar in einer kurzer Hose! Mist, das ist mir ja noch nie passiert – aber das kommt davon wenn man immer leger, wenn auch gepflegt, daher kommt. Denn in einer kurzen „Schlafanzughose“ würde ich mich sicher nicht ausser Hauses wagen! Das überlasse ich dann doch anderen. Mein Blick kehrt nochmals zurück aufs vergilbte Bild, man muss schon die Augen anstrengen, doch dann kommt es: da sind ja 2 Businesswoman abgelichtet mit knielangen Röcken, einer Handtasche wie sie meine Oma hatte und Trenchcoat im Arm. Ahhh, ich verstehe! Also meine Abweichung dazu erscheint mir jedenfalls kleiner als die des Restes der Veranstaltung. Irgendwie denke ich mir, die schmeissen mich nicht raus!

Nachdem es nun bereits 9:30 Uhr ist und zwar der Ersatzanwalt inzwischen da ist, aber die Gutachterin noch nicht, werden wir etwas unruhig. Hat „man“ vergessen der Gutachterin bescheid zu geben, vor allem wer ist denn „man“ bei der Frage und hat „man“ eigentlich einen Namen? Da wir davon ausgehen, dass unserem Ersatzanwalt jede nur denkbare Ausrede für einen weiteren Termin Recht sein wird, schickt meine Frau die leibliche Mutter, welche wir vorsichtshalber mal mitbrachten, zwei Stockwerke tiefer, wo die Sozialarbeiterin ihr Büro hat. Diese weiß natürlich nichts von einem Gerichtstermin, was uns überhaupt nicht überrascht! Dennoch bereitet sie sich vor, um zu unserer Veranstaltung zu kommen. Um 10 Uhr, also philippinisch pünktlich – da nur 90 Minuten nach geplantem Beginn – startet die Veranstaltung mit dem Einlauf des Richters: Aufstehen, Murmeln, Bekreuzigen, Amen und Setzen, es funktioniert schon fast automatisch.

„What cases we have today?“ will der Richter von seiner Schreiberin wissen.

„Number 1: Adoption from the minor …“ ich will schon innerlich zu jubeln beginnen, doch „Julia Fernandez Mendoza“ meint sie weiter. Also doch wieder Warten. Aber der Anwalt des „case 1“ steht auf und erklärt „Your honor, we have a problem …!“ Warum auch immer, „problems“ klärt das Gericht wie sonst auch im Eilverfahren: neuer Termin und es geht weiter. Und kaum zu glauben, wir sind bereits case 2. Nach Vorstellung aller geplanten Fälle sind bereits 20 Minuten um und der Gerichtssaal wieder halb leer. Aus irgendwelchen Gründen, will der Richter heute aber mit case 12 beginnen. Bevor ich jetzt beginne richterliche Prioritäten hinterfragen oder gar verstehen zu wollen, die mir sowieso niemand beantwortet: es ist so, fertig! Je länger ich mich mit der Justiz befasse, desto ohnmächtiger sehe ich mich ihr gegenüber ausgeliefert.

Thema case 12: Anullment! Offiziell gibt es in den Philippinen ja keine Scheidungen, sondern höchstens „ungültige Ehen“, die man dann sofern man über das notwendige Kleingeld verfügt, für „nichtig“ erklären lassen kann. Dafür lassen sich dann intelligente Menschen zum Vollidiot erklären, junge kräftige Männer sind auf einmal impotent – obwohl sie bereits mehrere Kinder gezeugt haben oder versehentlich gar doppelt heirateten … der Phantasie sind dabei höchstens finanzielle Grenzen gesetzt! …

(Fortsetzung folgt)