Reality-TV 10

Es folgte der nächste Gerichtstermin. So gingen wir wieder zum Gericht und staunten nicht schlecht, dass unser Aushilfsanwalt schon da war, da er sonst doch immer viel später erst erschien. Wieder ging es nach gleichem Schema los wie die ganzen letzten Verhandlungen: Einlauf seiner Majestät, Flaggenparade, Gebet, oder so ähnlich … Es verlief äusserst zäh und dauerte eine halbe Ewigkeit bis wir endlich dran kamen, aber dann war es soweit. Der Attorny rief unser Adoptivkind, das für diesen Tag extra die Schule schwänzen musste, da Attorny zu unfähig oder zu geldierig war und wir deshalb einen Extratermin benötigten, in den Zeugenstand. Die Gutachterin turnte schon die ganze Zeit umher wie eine Katze, da auch sie zum Termin geladen war und wohl darauf hoffte alles schnell hinter sich zu bringen. Doch wohl umsonst! Als unser Adoptivkind fertig war, fragte der Anwalt wegen der nächsten Befragung …

Und dann folgte das in meinen Augen ungeheuerliche: Der Richter sagte, dass er irgendwas mit „Schnupfen, Husten, Heiterkeit“ hätte und wir deshalb einen neuen Termin ausmachen müssten. Wer jetzt mitleidsvoll denkt, der arme kranke Mann geht jetzt unter Hilfe seiner Liebsten wieder nach Hause ins Bett – der irrt! Denn er ging ohne weitere Kommentare zum nächsten Fall über. Wunderheilung? Scheiß drauf! Ich sagte spontan: unser Anwalt, der zuvor wegen meiner Ansprache in seinem Büro sein Gesicht verlor, hat mir auf diese Weise geantwortet. Denn ich vermute sehr stark, dass er nur deshalb so früh da war, um das ganze Theater vorher mit den Beteiligten so einzufädeln.

Aber wie auch immer. Der nächste Termin kommt und falls dann der Ersatzanwalt wieder nicht in unserem Interesse agiert, sprich das Verfahren abschliesst, dann wird er ein ernstes Problem bekommen! Oder ich etwa …? Denn bis dort hin ist jedenfalls sein Chef wieder da, mit dem wir alles im Vorfeld vereinbarten und dem werde ich dann klaren Wein einschenken … „Was für eine bescheidene Ohnmacht!“ Doch wahrscheinlich war dem Ersatzanwalt klar, dass dies von uns so nicht akzeptiert würde und er lief uns gleich aus dem Gerichtssaal hinterher. „I’m very sorry. But I didn’t do a mistake! The judge was sick. So what can I do?“ meinte er entschuldigend. Wir beschränken uns auf nichtssagende Worte, denn wenn wir sagen was wir von dem Theater halten, bringt uns das bestimmt keinen Schritt weiter!

Einen Tag vor dem nun noch verbleibenden Gerichtstermin, bestellt uns unser Ersatzanwalt mal wieder ein. Wir sollen um 13 Uhr da sein. Das sind wir auch, hilft uns aber nicht viel, da der Attorney selbst fehlt. Meine Frau meint „Wahrscheinlich will der wieder etwas Geld von uns fordern.“ Wir warten eine halbe Stunde, eine dreiviertel Stunde … nichts. „Der hält sich für ganz ausgeschlafen und will uns damit nur seine Wichtigkeit zeigen!“ meine ich verärgert und ergänze „Wenn er bis 14 Uhr nicht da ist, dann gehen wir. Schließlich haben wir noch andere Verpflichtungen.“ Doch bevor unser Ultimatum abläuft, kommt er endlich.

„Oooh, I am very sorry but I have a feaver, thats why I am to late.“ meint er.

Meine Frau hat ihren Ärger auch noch nicht ganz verdaut und sagt „I have a feaver too …!“

Er entgegnet „My child is sick and the school called me, to bring the kid at home …“.

Wir verzichten auf weitere Steigerungen, haben ihn aber wohl doch etwas irritiert. Zumindest macht er einen etwas zerstreuten Eindruck. Wir wollen von ihm wissen, warum er uns einbestellt hat.

Er meint „Ja morgen haben wir die letzte Verhandlung und dann ist fertig. Also morgen rufe ich dann die leibliche Mutter auf …“

„Wieso das denn?“ meint meine Frau „Die hat doch schon ausgesagt!“

„Ach so? Ähm, … habe ich ganz vergessen. Ja morgen kommst Du dran.“ meint unser Attorny.

„Und natürlich die Sozialarbeiterin, welche das Gutachten erstellt hat.“ ergänze ich. „Gibt das Gericht der Bescheid?“

„Yes. Yes. Of course!“ meint der Ersatzanwalt.

„Na Dein Wort in Gottes Ohr!“ denke ich so bei mir und frage „Liegt sonst noch was an?“

„No, no, all ok. So I’ll see you tomorrow.“ meint er abschliessend.

Wir stehen auf, verabschieden uns, zwar mit einem undefinierbaren Gefühl, aber wir gehen …

Als wir ins Auto einsteigen, sind wir uns sicher: der hat uns doch nur einbestellt, um seiner heute unausgesprochenen Geldforderung Nachdruck zu verleihen. Wahrscheinlich sind wir für seine Verhältnisse zu forsch aufgetreten, dass er sich nicht mehr traute nach Geld zu fragen! Wenn da mal nichts nachkommt …

(Fortsetzung folgt)