Familienplanung

In den letzten Tagen häufen sich Nachrichten aus der katholischen Kirche, wo ein halbwegs gebildeter Mensch nicht mehr ruhig sitzen bleiben oder gar schweigen kann. Bitte, nicht falsch verstehen: ich würde mich niemals in die philippinische Politik einmischen wollen oder ein Statement öffentlich dazu abgeben. Aber was hier einige Bischöffe von sich geben, kann weder im Sinne der Kirche, noch im Sinne der Menschen sein, für welche die Kirche sich verantwortlich fühlt.Die ganze Geschichte „scheibchenweise“: Dieser Tage befindet sich der philippinische Präsident in den USA, während sich in seinem Land was zusammen braut.

Rückblende: im Mai dieses Jahres gewinnt der Kandidat „Benigno Aquino III“ die Präsidentschaftswahl und tritt danach mit viel Hoffnung getragen, sein Amt an. Als Sohn der ehemaligen Präsidentin Corazon Aquino, stellt er bis vor seiner Präsidentschaft, ein bislang nahezu unbeschriebenes Blatt dar. Weder großartige politische Verdienste, noch Skandale. Immerhin! Aber wie fast jeder Präsident braucht er viel Unterstützung, wenn man denn in diesem Land etwas erreichen will. Denn die einstigen Kolonialherren, aber auch die späteren Oligarchen, haben das Land geschunden und ausbluten lassen, sodass man in den Philippinen den internationalen Anschluß sucht. Korruption, Armut, Überbevölkerung und die Folgen daraus wie Hunger und Kriminalität, sind nur wenige Ausdrücke für die Not, welche hier das Alltagsgeschehen der Massen beherrscht.

Das will Aquino ändern! Sagt er und manche Ansätze lassen zumindest etwas Hoffnung aufkeimen. Auch die katholische Kirche mahnt den Präsidenten zur Bekämpfung der Armut nach dessen Amtsantritt. (vgl. http://www.radiovaticana.org/…/ted27.07.10.htm) Denn die Armut ist eines der größten Probleme der Philippinen, wie Kardinal Gaudencio Rosales von Manila richtigerweise meint. Erst vor wenigen Tagen hat man öffentlich zugeben müssen, die Millenium-Ziele der UNO zu verfehlen, wo definiert wurde, die Armut bis 2015 um die Hälfte zu verringern! Doch die Zahlen alarmieren gerade in einer Umgebung, in der Nachbarländer optimistische Resultate wie z.B. in Vietnam erreichen. Wenn man dann die Basis der Zahlen näher betrachtet, kann man das Schlimmste erahnen: denn mehr als ein Drittel der philippinischen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, welche mit gerade mal einem US-Dollar pro Tag festgesetzt wurde! (Über das man sogar sicher noch streiten könnte, wenn man wollte …)

Den Zusammenhang, dass die Armut einen direkten Bezug mit dem „Kinderreichtum“ philippinischer Familien zu tun hat, liegt auf der Hand. Denn 10 Kinder zu ernähren und auszubilden, ist eben um ein Vielfaches schwieriger, als beispielsweise zwei Kinder. Präsident „Noynoy“ Aquino oder auch kurz PNOY, wie er gerne hier abgekürzt wird, hat dies erkannt und Konsequenzen angekündigt. So eröffnete er seinem Volk, dem Wunsch nach einer kostenfreien Bereitstellung von Verhütungsmitteln durch den Staat nachzukommen, der laut einer Umfrage vom Januar von 68 Prozent der Befragten geäussert wurde. Seine Amtsvorgängerin Gloria Arroyo, hatte ähnliche Planungen zurück genommen, aus Furcht darüber ihre persönliche Macht zu verlieren. Diesen Sachverhalt bestätigt die katholische Kirche und ist sogar noch stolz auf ihre „Leistung“, die kostenlose Vergabe von Verhütungsmitteln verhindert zu haben! (vgl. http://www.kathweb.at/…/34918.html)

Doch jetzt übertrifft sich die katholische Kirche selbst, da sie auf PNOY’s Vorschlag unverzüglich folgendes ankündigte: „Die Kirche werde alles tun, auch notfalls zu Straßenprotesten aufrufen, um diese Maßnahme zu verhindern!“ Doch damit nicht genug, denn jetzt legt man noch mal kräftig nach: „Präsident Aquino könnte man wegen seiner Haltung zur Geburtenkontrolle von der katholischen Kirche sogar exkommunizieren!“ (vgl. http://ph.news.yahoo.com/…d6cd5cf.html) Geht’s noch? Welcome zur Hexenverbrenung?

Nochmals ganz langsam zum Verständnis: wir reden nicht von einer militanten Sekte, sondern von der katholischen Kirche. Wir reden auch nicht von einem islamistischen Diktat, wo man noch eher solch Bevormundungen nachvollziehen könnte, sondern von der philippinischen katholischen Kirche. Allerdings zeugt deren Verhalten von einer geradezu fundamentalistischer Sturheit, die man in Europa wohl zuletzt nur im Mittelalter erleben konnte! Was in aller Welt gibt diesen verbohrten alten Herren, das Recht dem ganzen Volk Verhütungsmittel zu verbieten, während sie selbst sich an Kindern vergehen? Zöllibat? – Was ist das? Im Gegensatz zum Westen klappt das mit „unter den Teppichkehren“ hier in den Philippinen noch immer. Das gelebte Beispiel für „Von der Kanzel Wasser predigen – und selbst den Wein saufen.“ Denn „Doppelmoral“ kennt man nicht … Ein Verhalten, das der philippinische Nationalheld Jose Rizal etwa so beschrieb: die Priester stopfen sich die Taschen voll, um damit dann nach Amerika auszuwandern und dort zu heiraten! Was hat sich gegenüber heute geändert?

Die Kirche stellt Forderungen und verweigert dann gleichzeitig jede realistische Lösung! Denn die katholische Kirche handelt hier nachweislich gegen besseres Wissen, da sie selbst sagt: „Derzeit leben 94 Millionen Menschen auf den Philippinen; vor zehn Jahren waren es noch 76,5 Millionen.“ Wie man trotz dieser Bevölkerungsexplosion von rund 25% in gerade mal 10 Jahren, sich so verhalten kann, ist unverantwortlich und bleibt unerklärbar. In einem „Weltspiegel“-Bericht der ARD wurde deshalb auch die katholische Kirche dafür mitverantwortlich gemacht, genauso wie für die daraus resultierende Armut und die geschätzten jährlichen 500.000 bis 800.000 illegalen Abtreibungen im Lande. Vor ein paar Tagen beschwerte sich die katholische Kirche erst darüber, dass abgetriebene Föten in einer Tüte wie Abfall vor eine Kirche in Manila geworfen wurden. Nein, der Zweck heiligt gewiß nicht die Mittel! Aber das ist eine Reaktion auf das unterirdische Niveau der katholischen Kirche in den Philippinen, die solche Abartigkeit provoziert.

Wer sich jeder Reform verweigert und nur bockig wie ein Kleinkind auf seine eigene Position pocht, darf sich nicht wundern, wenn dann mal wieder einer sagt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ und dem Taten folgen lässt. PNOY, viel Glück!

(Sorry, wenn sich das jetzt liest wie wenn die Emotionen mit mir durchgegangen wären … Aber wenn man Kinder verhungern sieht und dem gegenüber die bornierten Kirchenfürsten mit ihrer verkrusteten Meinung anschaut, entwickelt sich mehr als ein Brechreiz.)