Atomenergie

Direkt nach der einwöchigen USA-Reise des philippinischen Präsidenten Benigno S. Aquino III, ging vor wenigen Tagen die Meldung durch die Presse, dass die philippinische Regierung eine Studie erstellen lassen möchte, um eine Nutzung der Kernenergie zu prüfen. Dafür stellt die Regierung rund 1,1 Mio. US-Dollar bereit. Der Präsident hat sich bereits in der Vergangenheit dahingehend geäussert, die Nutzung der Kernenergie als Energiequelle zu befürworten. Wie weit das Ergebnis dieser Studie die Entscheidungen beeinflussen wird, bleibt aber abzuwarten. Denn in diesem Zusammenhang gibt es auf den Philippinen zwei wichtige Fakten zu berücksichtigen: erstens eine chronische Energie-Unterversorgung (abhänging von der jeweiligen Region bemerkbar durch häufige Stromausfälle) und zweitens ein seit 1986 fertiggestelltes Atomkraftwerk, das aber nie in Betrieb ging, jedoch inzwischen komplett abbezahlt wurde.Der Präsident hat in der Vergangenheit bereits darauf hingewiesen, dass er der Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Bataan jedoch eher kritisch gegenüber steht. Dies mag mehrere Gründe haben: einerseits wurde dieses Kraftwerk von dem Diktator Marcos erbaut (überwiegend durch angelernte Fischer!), von seiner Nachfolgerin Corazon Aquino, also der Mutter des derzeitigen Präsidenten, sofort versiegelt und per Gesetz der Betrieb der Anlage auf den Philippinen verboten. Andererseits steht der Reaktor in Bataan in einem stark Erdbeben gefährdeten Gebiet mit 3 geologischen Verwerfungen und darüber hinaus am Fuße eines im Moment ruhenden Vulkans.

Da das Kraftwerk rund 2,2 Milliarden US-Dollar an Baukosten verschlang, ist jedoch diese Linie nicht unumstritten. Laut FAZ betrug der Kapitaldienst, also Zinsen und Tilgung für die Baukosten bis zum Sommer 2007, zuletzt täglich rund 150.000 USD. Somit wurde dieses Milliardengrab zum größten Einzelposten im Staatshaushalt, was dann auch erklärt, dass es einflussreiche Leute im Land gibt, welche immer wieder auf die Inbetriebnahme des Reaktors drängen. Während kaum eine deutliche Kosteneinsparung von einem Bau eines neuen Kraftwerkes gegenüber der Reparatur des Bataan Reaktors zu erwarten sein wird, so könnte der Präsident jedoch anderweitig punkten.

Warum ausgerechnet dieser aus Sicherheitsaspekten nicht unumstrittene Standort in den 70er Jahren hierfür gewählt wurde, öffnet Raum für Spekulationen. Wieso hat der amerikanische Hersteller der Anlage „Westinghouse“, damals in der Planung nicht deutlicher auf die Problematik hin gewiessen? Heute ist das Kraftwerk inzwischen veraltet. Somit wird, um den Reaktor überhaupt in Betrieb nehmen zu können, zunächst mal rund eine weitere Milliarde US-Dollar erforderlich sein, die der Präsident aber erst im Juli als „unerschwinglich“ bezeichnete. Deshalb wollte er wohl auch mit der beauftragten Studie einen direkten Kostenvergleich zwischen der Renovierung Bataans gegenüber einem neuen Kraftwerk, abwarten.

Laut der Nachrichtenagentur AFP wollen jedoch einflussreiche Kongressabgeordnete wie Mark O. Cojuangco von der San Miguel Corporation (immerhin größter Lebensmittelkonzern Südostasiens) und Mickey M. Arroyo (der Sohn der vorherigen Präsidentin Arroyo) dennoch per Gesetzesänderung den Reaktor in Betrieb nehmen. Auch wenn man täglich das Energieproblem in Form von Stromabschaltungen spürt, da zuwenig Strom produziert wird, stellt sich die Frage, wie weit diese Option sinnvoll ist. Gegner von dem Kernkraftwerk beobachten die Entwicklung sehr skeptisch, gerade unter dem Aspekt der Sicherheit, liegt das Kraftwerk Bataan doch lediglich rund 100 km nordwestlich der Hauptstadt Manila, wo deutlich mehr als 10 Millionen Einwohner leben.

Aber es gibt noch andere Überlegungen, die einen Einsatz der Nuklearenergie mindestens in die fernere Zukunft verschieben lassen werden. Denn Know-how und Sicherheitsstandards existieren für solche Anlagen bisher überhaupt nicht in den Philippinen. Die Leichtfertigkeit der Aussagen der Politiker dazu, lassen erkennen, dass man sich der Tragweite dieser Technik wohl nicht ganz bewusst ist. Erfahrungen wie Tschernobyl wurden wohl entweder nie wahrgenommen oder es waren einige der Politiker zu dem Zeitpunkt schlicht noch nicht geboren.

Denn sollte aber die in solchen Anlagen absolut erforderliche Disziplin bei den Mitarbeitern fehlen und keine Bereitschaft zum Eingestehen auch von kleinsten Fehlern existieren (z.B. wegen eines drohenden Gesichtsverlustes), dann können Kettenreaktionen entstehen, wie in Tschernobyl erlebt. Hätten beispielsweise diese Politiker damals als Kind nicht mehr im Sandkasten spielen dürfen, da die Erde darin kontaminiert war oder deren Eltern keine Pilze mehr im Wald sammeln können, da der radioaktive Regen über Tausende Kilometer diese verstrahlte, würde deren Einschätzung wohl etwas objektiver ausfallen, da man das Risiko zumindest nicht so kategorisch ausschliessen würde wie in dem anschliessenden AFP-Video zu sehen.

Folgende Schritte bleiben bis zur Nutzung der Kernenergie, jedoch auf jeden Fall erforderlich:

  1. Studienergebnis mit positiver Empfehlung zur Nutzung der Kernenergie
  2. Lösung der Finanzierungsfrage
  3. Gesetzesänderung
  4. Bau- bzw. Renovierungszeit

Da dies nicht alles über Nacht realisierbar sein wird, kann man getrost auf das Ergebnis der Studie warten …

 

Video der Nachrichtenagentur AFP (2 min.)

Falls der Link nicht direkt aufrufbar sein sollte, bitte hier kopieren und direkt in den Browser einfügen:   http://www.youtube.com/watch?v=dHa6B2RDH0U

 

Weitere Quellen: