Reality-TV 5

Der Richter kam erst um 9:40 Uhr. Aber wie! Es glich einem Gladiatoreneinlauf: die Tür ging auf, automatisch erhoben sich alle Anwesenden, die Gerichtsdienerin murmelt ein Gebet runter, Amen! – Setzen. Eigentlich habe ich das Abspielen der Hymne vermisst … Unser Adoptionstermin war als zweiter Fall auf der Liste genannt. Eigentlich ganz gut, dann müssen wir nicht so lange warten. Die Gerichtsdienerin ruft einen Fall nach dem anderen auf, der vertretende Anwalt sagt worum es geht und falls der Richter will, gibt er auch noch seinen Senf dazu. Bei unserem Fall murmelte er etwas von „follow up“ und von „document in Manila“. Hmmm? Wie sich gleich zeigen wird: Unser Ersatzanwalt hat gepennt und versäumt das Dokument vorab zu besorgen! Mist! Immerhin hatten wir bereits zuvor für zwei Wochen später unseren Folgetermin an selber Stelle – gleiche Welle! Dann aber hoffentlich mit den richtigen Fragen! Naja sei’s drum. Ich merke das „bahala na“ zeigt bereits seine Spuren an mir. Ich bin wirklich erheblich gelassener als in Europa, …

Bevor es mit dem Folgetermin weiterging, wollte uns der Anwalt noch mal sehen, wegen „Generalprobe des Theaterstücks“ … So fuhren wir mit insgesamt sechs Protagonisten und zwei Taxis zum Ersatzanwalt. Angekommen, „Hello, oh how gwappo your children …. Blablabla ….“, „Ja Ihr mich auch!“ denke ich bei mir. Also der Attorny meint dann, dass jetzt nur die „biological mother“ und unsere Kids befragt würden. Meine Frage nach dem „Warum?“ bei bereits zwei sinnlos verstrichenen hearings des courts, bleibt unbeantwortet im Raum stehen und schmückt seit dem dessen Büro …

Nun zitiert er stattdessen die „Biomutter“ zu sich und befragt sie, worauf die artig antwortet: „Yes“, …, „yes“, …, „Yes!“ Rollentausch nach etwa einer Minute gefühlten Dauer. Befragung unseres Ältesten: whats your name? do you agree to the adoption? is this your signature? … Antworten vgl. Antworten der „Biomama“! Nach insgesamt weniger als 5 (in Worten fünf!) Minuten ist der Attorny fertig und meint wir dürfen wieder nach Hause. Nein, ich rege mich nicht auf, obwohl auf dem Rückweg wieder zwei Taxis zum Einsatz kommen, die ich bezahle und genau genommen ich noch nicht mal den Heini – äh sorry Attorny natürlich – wegen seiner Fragen angerufen, geschweige zu mir eingeladen hätte! Nein, völlig cool bleibe ich, wahrscheinlich saugt man das „bahala na“ mit der Luft auf. Aber wenn wir schon mal da sind, erkundigen wir uns nach der Uhrzeit wann das Theaterstück am Folgetag starten soll, haben wir doch bislang nur vom Hörensagen davon Kenntnis! „Eight thirty.“ Aha, also müssen wir nur aus dem Bett, frühstücken, zum Gericht fahren und können dort weiterschlafen …

Nun waren wir als pünktliche Europäer früh um 8:30 Uhr bei der philippinisch „unpünktlichen“ Veranstaltung. Thema: Adoption. Wir sitzen und warten … Meine Augen inspizieren den Gerichtssaal, jede Ablenkung wird dankbar akzeptiert. „Irgendwie sieht es hier aus wie einer unaufgeräumten Besenkammer“ sage ich zu meiner Frau „Überall lagern vergilbte zusammen gebundene Dokumente, die Stühle sehen aus als könnten sie jederzeit zusammen brechen und eine neue Lackierung würde denen auch nicht schaden, wobei dann würden die rein stylisch nicht mehr hier rein passen …“ Meine Frau meint „Du weisst doch wie das läuft: da bekommen die Geld zum Renovieren, nur bis dann der Handwerker kommt, haben schon soviele Hände davon soviel abgegriffen, dass dann nur noch das Flair einer Rumpelkammer für den Gerichtssaal übrig bleibt.“ Mhmm … das trifft leider den Nagel auf den Kopf!

Ich schaue weiter … was hängt denn hier für ein kitschig gemaltes Plakat in dem „heiligen“ Gerichtssaal? Ein mit wenig Phantasie gemaltes Kind unter dem folgenden Schriftzug: „Protect our children from abuse, exploitation and discrimination.“ Erster Gedanke: wow, die Kinder auf den Philippinen haben jetzt neuerdings doch eine Lobby – Toll! Es geht aufwärts! Doch warum verfliegt bei mir der Gedanke nur so schnell? Nochmal lesen und auf „germanisch“ übersetzen: also, schützt unsere Kinder vor Missbrauch! Fast möchte ich fragen „Super, wo kann ich das unterschreiben?“ Doch Moment, das geht ja weiter: schützt sie auch vor Ausbeutung …. mhhhm, ich glaube das wirkt dann aber doch unglaubwürdig und sehr weit hergeholt auf mich oder habe ich alter Dummkopf schon wieder die Pinoys falsch verstanden? Aber stopp, es geht noch weiter: und schützt unsere Kinder vor Diskriminierung! Mist – auf englisch klang es irgendwie viel flotter und einleuchtender. Ich schüttel mal kurz den Kopf durch, könnte ja sein dass die Windungen entknotet werden müssen.

Doch dann fällt es mir auf: „Protect our children from … discrimination!!!“ Denen ist ja gar nichts heilig, denke ich so bei mir. Also sollte ich ein philippinisches Kind diskriminieren, aber dann schreitet das Gericht gnadenlos ein … schliesslich hat es mich ja auch mit einer „diskriminierenden“ Gerichtsgebühr in Höhe von 10.000 PHP bedacht, wofür philippinischen Eltern schon mal präventiv nur 2.000 PHP bezahlen … Jetzt kann ich wieder lächeln, alles wird gut – es hat doch alles einen Sinn! Oder?

(Fortsetzung folgt)